Leserbriefe : Mao war ein Monstrum

„Der Mao im Kopf“ von Joscha Schmierer vom 31. Mai

Seit Beginn dieses Jahres wird das Publikum mit Erinnerungen und Ergüssen der eingebildeten Revolutionäre von 1968 gequält. Solange es sich um Sentimentalitäten der „Drugs, Sex and Rock ’n’ Roll“- Zeit handelt, die uns als „Liberalisierung“ der Bundesrepublik verkauft werden, ist es nur ärgerlich. Wenn eine seriöse Zeitung aber einem Bewunderer von Massenmördern wie Herrn Schmierer für seine Rechtfertigungen eine ganze Seite einräumt, muss man sich fragen, ob nicht wieder etwas fundamental schiefläuft in unserem Land.

Mao war eine der Ursachen, dass am Ende des furchtbaren vergangenen Jahrhunderts eine wissenschaftliche Disziplin entstanden ist, die sich Völkermordforschung nennt. Mao steht im „Schwarzbuch des Kommunismus“ an der Spitze der kommunistischen Schlächter. In Maos China wurden schon mal 1000 von den etwa 20 000 Häftlingen, die in den Ölfeldern von Yanchang arbeiteten, nach einer Rebellion lebendig begraben. Im Jahr 1951, dem schrecklichsten des „roten Terrors“, gab es in einer einzigen Nacht in Schanghai 3000 Verhaftungen, in Peking an einem Tag 220 Todesurteile, die sofort öffentlich vollzogen wurden. Die „Kulturrevolution“, die von Schmierer als Versuch, „die Zementierung von stagnierender Bürokratenherrschaft aufzubrechen“, verniedlicht wird, hat nach vorsichtigsten Schätzungen eine weitere halbe Million Tote gekostet, denen Millionen Bauern folgten, die noch in den siebziger Jahren verhungerten. Insgesamt hat Maos Herrschaft möglicherweise 60 Millionen Menschen das Leben gekostet. Selbst wenn es weniger gewesen sein sollten, hätte der Westen allen Grund sich zu fragen, warum ein solches Monstrum der Gegenstand seiner „kultischen Verehrung“ war.

Besonders Schmierer, der als Chef des maoistischen KBW dem Massenmörder Pol Pot nach erfolgreicher Vernichtung eines Viertels seines Volkes noch eine Ergebenheitsadresse und Geld zukommen ließ, hätte allen Grund, kritisch mit sich und seinem totalitären Gesinnungsgenossen ins Gericht zu gehen.

Weit gefehlt. Nach dem berüchtigten Motto, was damals für richtig gehalten wurde, darf heute nicht falsch sein, serviert er den Tagesspiegel-Lesern einen schwer erträglichen Mix an bewundernden Zitaten über Mao, wie „titanische Persönlichkeit“ ( Kissinger), „charismatisch, sehr begabt“ (Schmidt) und philosophischem Geschwafel, über die Kulturrevolution als „Appell an den Citoyen“, den „Bourgeois“ in Schach zu halten. Im Übrigen ginge die „historische Pointe“, die „erfolgreiche Wiedererrichtung des ältesten Staates der Welt“ unter der Führung von Mao bei der „groben Gegensätzlichkeit“ des Vergleichs mit anderen Diktatoren verloren. Schmierer bringt es tatsächlich fertig, die Millionen Toten, die Maos Politik gekostet hat, nicht einmal zu erwähnen. Stattdessen wirft er Mao-Kritikern wie Jung Chang vor, das „blutige“ Regime von Tschiang Kaitschek zu verharmlosen.

Weil der „Hauptzug“ von Maos Regime „das Streben nach Gleichheit und Gerechtigkeit“ gewesen sei, zitiert, Schmierer abschließend zustimmend den französischen Philosophen Alain Badiou, dass Mao-Texte es verdient hätten, in das Lehrprogramm für zukünftige Pädagogen aufgenommen zu werden. Der Massenmörder als Lehrmeister! Was für ein furchtbarer Publizist.

Vera Lengsfeld (CDU), bis 2005 MdB, Berlin-Pankow

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