Leserbriefe : Mediziner sollten Angestellte sein

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Betrifft: „Ärzte ohne Grenzen" im Tagesspiegel vom 4. April 2003

Der Autor beschreibt die deutsche Medizinerzunft und deren Fehlentwicklungen. Er erklärt damit implizit, warum alle bisherigen Reform und Kostendämpfungsprogramme im Gesundheitswesen gescheitert sind.

Auch alle zukünftigen werden scheitern, solange ein Aspekt, der in allen Diskussionen fehlt, außer Acht gelassen wird: Ärzte und Krankenhäuser sind sich widersprechenden Botschaften ausgesetzt. Als Wirtschaftsunternehmen sollen sie Umsatz und Gewinn machen, als Helfer und Heiler sollen sie ausschließlich zum Wohle ihrer Kunden (Patienten) handeln. Bei jeder finanziell relevanten Entscheidung hat also der Arzt die Wahl zwischen Ethik und Monetik, wie das der frühere Präsident der Ärztekammer Berlin, Ellis Huber, genannt hat.

Bezieht man die Krankenversicherungen als Kostenträger in die Betrachtung mit ein, wird aus diesem Dilemma ein Trilemma: Will der Arzt, wie von Politik und Kassen gewünscht, die Kosten senken, wird er weniger verdienen; will er sein Einkommen steigern wie jeder Freiberufler auch, wird er mehr Leistungen erbringen als aus medizinischen Gründen nötig und für Patient und Versicherer gut ist. Die Bedürfnisse und Ziele in dieser Dreierkonstellation sind praktisch unvereinbar. Solange dieser Strukturfehler im System nicht korrigiert ist, wird sich nichts ändern.

Ein möglicher Weg aus dieser Zwickmühle wäre im ambulanten Bereich ein festes Einkommen für niedergelassene Ärzte, zum Beispiel als Angestellte der Krankenversicherungen, bei Begrenzung der Zahl der Versicherten pro Praxis mit Abzug vom Einkommen bei Unterschreiten und ausbleibender Einkommenssteigerung bei Überschreiten dieser Zahl.

Im stationären Bereich besteht Hoffnung, dass durch die Einführung von Fallpauschalen und Qualitätssicherungsmaßnahmen das marktwirtschaftliche Denken gegenüber dem ethischen Handeln wieder mehr in den Hintergrund rücken wird.

Dr. Jürgen Spiering, Berlin-Zehlendorf

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