Leserbriefe : Mehr in die Bildung investieren

„Zu Lasten der Kinder“

von Gerd Nowakowski“ vom 11. Juni

Nichts mit „Vorreiterposition“, sondern weiterhin Schlusslicht, wenn man sich beim Bau des Schulsystems an die Stockwerke macht, bevor Fundament und Erdgeschoss sicher stehen! Deshalb sind 24 Kinder in Klassen, in denen fast keiner richtig Deutsch versteht und sprechen kann, nur eine Lizenz zum Scheitern! Deutsch-Intensivkurse gehören an den Start der Bildungslaufbahn und Lehrer mit genügend Zeit für ihre Schüler.

Da wir Menschen meist nur glauben, was wir sehen, sei den Abgeordneten empfohlen, sich ein persönliches Bild nicht nur in einer Leuchtturmschule zu verschaffen.

Charlotte Lewerich, Berlin-Mitte

Ein trefflicher Kommentar! Mir scheint allerdings, dass Volkesmeinung dem nicht folgt: Das Gymnasium scheint immer noch für viele Menschen „Bildung“ zu garantieren, so als ob „Elite“ nur unter Elitären möglich wäre. Wo wächst eigentlich in den anderen europäischen Ländern die „Elite“ heran? Ist die nur in den Privatschulen und sind alle anderen Kinder blöde, die „Einheitsschulen“ (=Schulen) besuchen „müssen“? Gab es in der DDR nur „Bekloppte“, weil dort die „Einheitsschule“ Praxis war? Das Gymnasium in Deutschland wird maßlos überschätzt. Es dient nur der Auslese, nicht der Förderung: Dort wird noch häufig von „guten“ und „schlechten“ Schülern geredet – die „guten“ sind eben begabt und wollen lernen, die „schlechten“ unbegabt und wollen nicht lernen. Mit dieser naiven Einteilung entlastet sich der Lehrer von dem Engagement für den Schüler mit Lernschwierigkeiten.

Eine solche Einstellung ist unter modernen schulpädagogischen Gesichtspunkten unhaltbar. Schule muss in der Lage sein, alle Schüler optimal zu fördern. Schule muss jedem Schüler in seiner Entwicklung von Anbeginn Ermutigung und Erfolg auf seinem Weg vermitteln. Unser Schulsystem produziert durch Auslese Versager. Auch Schüler mit Lernschwierigkeiten können durch Lob und Ermutigung ihre optimale Lernleistung entwickeln – aber nur dann, wenn sie nicht durch Vergleich und Auslese permanent frustriert werden.

Über modernen Unterricht ließe sich noch viel sagen – wenn dazu selbst viele Lehrer Fortbildungsbedarf haben, wie sehr erst unsere Bevölkerung? Um endlich zu begreifen, dass wir es uns nicht leisten können, „schlechte“ Schüler nur als solche zu etikettieren und auszusortieren mit der unausweichlichen Perspektive: Hartz IV, muss ein neues Denken von Schule und Unterricht in den Köpfen der Menschen entstehen. Auch der Senat muss endlich verstehen, dass solche Reformen nur mit finanziellem Mehraufwand gelingen können – wenn der nicht zu leisten ist, bleiben die hochgesteckten Ziele Makulatur und politische Phrasen.

Alexander Bungard, Berlin-Schöneberg

Gerd Nowakowski wirft den Vertretern der Gemeinschaftsschule „Ideologie“ vor. Er sieht damit den Splitter im Auge der anderen und übersieht den Balken im eigenen Auge: die Vorstellung, am Ende der Grundschulzeit den Bildungs- und Lebensweg eines Kindes bestimmen zu müssen oder überhaupt zu können ist reinste Ideologie – ein Gedankengebäude, für das kein Wissenschaftler bereit wäre, eine rationale Begründung zu liefern, aber offenbar vielen einflussreichen Interessengruppen entgegenkommt. Von einem derart ideologiegeprägten und irrationalen Ausgangspunkt ausgehend kann man doch nicht zu anderen Ergebnissen kommen als koalitionsarithmetischen: aus 50 Prozent gegen 25 Prozent mach 30+10. Sowohl die Auswahl durch Schulleiter, die sich seherisch begabt fühlen, aber nichts weiter als ein sicheres Gespür für den familiären Hintergrund der Kinder haben, als die durch Losentscheid ist irrational und geht zulasten der Kinder. Wer möchte da bestimmen, welcher Unfug besser ist? Da bleibe ich als ehemaliger Gesamtschullehrer lieber bei meiner „Ideologie“.

Thomas Isensee,

Berlin-Charlottenburg

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