Leserbriefe : Mehr Zeit für Kinder

„Kinderschutz später / Koalition kann sich nicht auf gemeinsamen Antrag einigen“ von Antje Sirleschtov vom 30. Juni

Man muss den Eindruck bekommen, dass die deutschen Eltern Erziehungsversager sind, wenn man sich die Zahlen des Statistischen Bundesamtes ansieht: 32 000 Kinder wurden 2008 in staatliche Obhut genommen, 28 700 Jugendliche und junge Erwachsene wurden im Jahr 2007 in Heimerziehung oder betreutem Wohnen untergebracht. Und man weiß auch, aus welchem Grund die Kinder und Jugendlichen aus ihren Familien gerissen werden (müssen): „Eingeschränkte Erziehungskompetenz“ und „Überforderung der Eltern“! In nahezu der Hälfte aller Fälle sind dies die Ursachen dafür, dass staatlicherseits in das durch das Grundgesetz geschützte „natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht“ zur Pflege und Erziehung ihrer Kinder eingegriffen wird.

Sind deutsche Eltern also Erziehungsversager? Oder kann es nicht vielmehr sein, dass in den meisten Fällen die Familien dadurch auseinandergerissen werden (müssen), weil das Management einer Familie eben nicht nur als Neben-, Teilzeit- oder Wochenendjob begriffen werden kann. Und das verlangt vor allem Konsequenzen in Bezug auf den zwar gebetsmühlenhaft wiederholten aber leider bisher ziemlich folgenlosen Appell für „Mehr Zeit für Kinder!“ Dafür, dass Familien tatsächlich mehr Zeit miteinander verbringen können, in den Familien die notwendigen Erziehungskompetenzen entwickelt und von der nachfolgenden Generation angeeignet werden können, wird nach wie vor viel zu wenig getan.

Im Gegenteil: Der Druck auf Eltern hat beständig zugenommen, ihre Kinder möglichst frühzeitig am besten in ganztägigen Kitas und Schulen abzugeben. Denn schließlich geht’s um „Bildung von Anfang an“. Und das können professionelle Erzieherinnen und Lehrer doch am besten. Oder? Und es geht darum, dass Geld verdient werden muss. Und darum, dass gerade die gut ausgebildeten Frauen in der Arbeitswelt gebraucht werden – nicht zuletzt, damit auch künftig die Renten gezahlt werden können.

Wundern muss man sich dann aber nicht, wenn immer mehr Eltern ihrer Erziehungsverantwortung nicht mehr gerecht werden können und junge Männer und Frauen von vornherein auf Kinder verzichten. Die Bedingungen dafür zu verbessern, dass ein durchaus nicht immer einfaches Familienleben auch wirklich verantwortungsbewusst gelebt werden kann, bleibt nicht nur eine Forderung an die Politik sondern vor allem eine zentrale gesellschaftliche Aufgabe.

Hendrik Vogt, Berlin-Wilmersdorf

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben