Leserbriefe : Meist fehlt das nötige Kleingeld

„Angst vor dem Verfall – Die Deutschen fürchten sich vor körperlichen und geistigen Einschränkungen im Alter. Weniger als die Hälfte hat gut vorgesorgt“ von Heike Jahberg vom 29. Juli

Die Versicherungswirtschaft ist emsig bemüht, durch geeignete Studien zu belegen, dass ein hohes Maß an privater Absicherung erforderlich ist, um später einmal das Alter so richtig genießen zu können. Gern betätigt sich die Presse als journalistischer Erfüllungsgehilfe, in dem sie die soziokulturellen Befindlichkeiten der Betroffenen genüßlich ausbreitet. Dabei genügt es schon, das beeindruckende Horrorszenarium der bestehenden gesetzlichen Sozialabsicherung mit seinem ungebrochenen Trend zur Minimalisierung wiederzugeben, um nicht bei jedem zukünftigen Anwärter dieser Segnungen den Wunsch wachzurufen, nicht allein auf diese allgemeine Zwangsbeglückung angewiesen zu sein. Außerdem kennen die meisten aus Ihrem Umfeld Personen, die live im gesetzlichen Sozialwesen eingebettet sind und haben so die wenig erbauliche Palette der realen Erscheinungsformen unseres gesetzlichen Sozialsystems ständig vor Augen. Wenn die Autorin ausführt, dass in Berlin deswegen wenig für das Alter vorgesorgt wird, weil hier der familiäre und nachbarliche Zusammenhalt größer ist, so sehe ich hier eine deutliche Verkennung des Ursache-/Wirkungsprinzips. Hauptgrund dürfte vielmehr die für die Mehrheit nicht tragbare Zusatzbelastung sein, mit der eine wirksame Altersabsicherung zu finanzieren ist. Der von ihr zitierte Zusammenhalt ist ohnehin einer ständigen Erosion unterworfen, einmal durch den natürlichen biologischen Abbau und durch den Wegzug jüngerer Familienmitglieder aus Gründen berufsbedingter Flexibiliät. Selbst eine bestehende private Zusatzabsicherung für das Alter erweist sich häufig als trügerisch, dann nämlich, wenn wegen vorzeitiger Arbeitslosigkeit entsprechende Verträge nicht mehr bedient werden können bzw. aufzulösen sind.

Der Artikel führt ein Studienergebnis an, zwei Drittel hätten ein mulmiges Gefühl, wenn sie an ihre Altersvorsorge denken. Dieses Gefühl hat einen durchaus realen Hintergrund, allerdings haben nicht allzuviele das nötige Kleingeld um dieser Gefühlslage abzuhelfen.

Helmut Schindler, Berlin-Gesundbrunnen

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