Leserbriefe : Menschen in den alten Bundesländern sind angepasster

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„Empört wie kleine Kinder“ vom 20. August 2005

Herrn Schroeder stimme ich zu, wenn er Staatsgläubigkeit und Versorgungsmentalität als prägende und heute sicherlich noch nachwirkende Erfahrungen der Menschen in der DDR beschreibt. Dies sind natürlich nicht die einzigen Erfahrungen. Allerdings ist heute, übrigens für alle Bürger, ob in Ost oder West, Nord oder Süd, eine völlig veränderte Situation hinsichtlich der Sozialpolitik gegeben. Der Staat zieht sich immer stärker aus seiner sozialen Verantwortung zurück; die erforderliche soziale Balance in der Gesellschaft geht zunehmend verloren. Man kann deshalb nicht alle Erscheinungen von Frust und Existenzunsicherkeit auf DDRMentalitäten zurückführen. Das Verhältnis von Individuum, Gesellschaft und Staat ist eine politische Frage, die nicht mit sozialpsychologischen Analysen zu lösen ist.

Und noch eine Anmerkung: Ich glaube, dass oftmals Menschen in den alten Bundesländern weitaus deformierter, angepasster und weniger selbstbewusst sind als Menschen in Ostdeutschland. Man sollte äußere, durch Existenzerhaltung erzwungene Verhaltensweisen nicht mit dem Wesen eines Menschen gleichsetzen. Die Karrieresucht der einen und die Existenzsicherung der anderen führen da zu absonderlichen Verwerfungen im Verhalten.

Dr. Harald Braun, Woltersdorf

Selbstverständlich haben ehemalige Bürgerrechtler teilweise DDR-typische Verhaltensweisen, wie Banker teilweise banktypische, Vereinsmeier teilweise vereinsmeierische und Saarländer teilweise nur für das Saarland mit seiner besonderen Geschichte typische Verhaltensweisen haben. Die Idee, die Folgen der DDR zu „überwinden“, ist so abenteuerlich wie die allgemeinere Vorstellung, die Geschichte sei zu „bewältigen“. Die Paulskirchenversammlung, Bismarcks Politik, die Weltkriege, die Nazizeit – alles wirkt fort.

Mir scheint, Herr Schroeder argumentiert auf dem Boden der Gewissheit, dass der „Westen“ mehr oder weniger die einzig wünschenswerte Gesellschaft entwickelt hat.

Wolfgang Kröber, Käterhagen

Das Interview mit dem Wissenschaftler Schroeder trifft den Kern der Sache in Bezug auf den momentan kollektiven Protest vieler Ostdeutscher.

Da wir selbst bis zu unserer Ausreise fast 45 Jahre im Osten gelebt haben, können wir noch ergänzend hinzufügen: Eine Streitkultur hat es dort nie gegeben! Das war von den SED-Bonzen – aus gutem Grund – auch nicht vorgesehen.Wir sind angepasst, im FreundFeind-Denken, obrigkeitshörig erzogen worden. Das immer wieder beschworene ostdeutsche „Zusammengehörigkeitsgefühl“ basierte doch in erster Linie auf der „Mangelwirtschaft“ DDR.

Fahren wir hin und wieder in die alte Heimat, dann registrieren wir in Gesprächen mit Bekannten unserer älteren Generation, dass Demokratie, Reisefreiheit, ein breit gefächertes Warenangebot willkommen seien, aber das ehemalige soziale Bedingungsgefüge wird immer noch in höchsten Tönen gepriesen.

Monika und Siegfried Uhl,

Berlin-Charlottenburg

Das Zusammengehörigkeitsgefühl der Ostdeutschen ist kaum eine Nachwirkgung des Kollektivlebens der DDR; denn dieses Gefühl war durch braun- und rotfaschistische Geheimdienste infiltriert und mit tiefem Misstrauen durchtränkt.

Wenn Ostdeutsche anders ticken, dann weil sie schockiert sind, erstens vom Ausmaß der Wirtschaftskriminalität bzw. der fehlenden Marktgerechtigkeit. Zweitens durch die Allgegenwart eines bizarr bürokratisierten Staates. Im Osten hat man sich den Staat vom Leib gehalten so gut es ging – Ohren auf Durchzug – wenn man nicht gerade Nutznießer war. Der Bundesbürger aber ist süchtig nach dem Staat: Keine Schraubenproduktion ohne Subvention und die Freizeit lässt sich restlos mit Formularen und anderen gelenkten Eigeninitiativen oder sozialen Notrettungen verbrauchen. Statt Perspektiven Selbstbeschäftigung. Im Westen wird dieser Zustand weitgehend für normal gehalten, weil man nichts anderes mehr kennt. Wann Ost und West angeglichen sind? Wenn der Ostler genauso blind geworden ist.

Friedwerd Messow, Weinheim

„Eine Schreitherapie für Deutschland“ vom 21. August 2005

Seit fast zehn 10 Jahren bin ich Abonnent des Tagesspiegels – und hier ist mein erster Leserbrief. Selbst wenn ich mal wenig Zeit zur Lektüre habe, Artikel von Frau Sirleschtov werden von mir immer gelesen. Es ist einfach ein Vergnügen, Sachverhalte so analysiert und auf den Punkt gebracht zu bekommen.

Werner Volk, Berlin-Schöneberg

Dieser Artikel von Antje Sirleschtov zwingt mich, einen meiner seltenen Leserbriefe an den Tagesspiegel zu schreiben. Dieser Artikel beschreibt nach meiner Meinung ausgezeichnet die derzeitige Stimmungslage in den „neuen Bundesländern“, aber auch wahrscheinlich häufig in dem Teil Deutschlands, der das Glück hatte, gleich 1948 an dem beginnenden Wirtschaftswunder mitzuarbeiten. Ich danke der Autorin für diesen sehr guten Artikel.

Claus Näther, Berlin-Lichterfelde

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