Leserbriefe : Merkmal eines Nationalcharakters

Ach, Pfütze! / Brigitte Jostes feiert die „Schönheit eines topaktuellen Worts“

vom 26. Februar

Wie Herkunft und Lautmalerei des deutschen Wortes „Pfütze“ anhand sprachwissenschaftlicher Kriterien zerlegt und gedeutet wurden, war ein reines Vergnügen zu lesen. Wenn demnach die deutsche Pfütze eine ehrliche Haut – trotz gewisser negativer Aspekte dieses Naturphänomens – sein soll, gleichsam mit dem indirekten Rückschluss auf ein Merkmal eines vermeintlichen Nationalcharakters, so wäre dieser Befund nicht nur einer vergleichenden Untersuchung mit einer romanischen, sondern auch einer germanischen Sprache wert.

Im Schwedischen könnte gemäß Titel der Glosse „Ach, Pfütze!“ ausgerufen werden: „Oj, en/vilken pöl!“ oder „Ojdå, en/vilken (vatten)puss!“ Der Ausruf „Oj“ (Eui ausgesprochen) drückt Entsetzen oder Ärgernis aus, womit die Wortwahl „pöl“ eine oder welche/was für eine entsetzliche Pfütze vorgegeben ist (zumal sich „pöl“ auf „knöl“ (= Flegel, Lümmel) reimt), wogegen der Ausruf „Ojdå“ (Euido ausgesprochen) den „(vatten)puss“, die Pfütze, verwundert und als Wasserkuss liebevoll begrüßt, wie die schwedische Grußformel „puss och kram“ (= dicker Kuss/ Schmatz und Umarmung) erkennen lässt.

So wird also anderswo mit dem Ausruf die subjektive Wahrnehmung der Pfütze bewertet, als störend oder widerlich mit der dann folgenden Wortwahl beschimpft oder als Schönheit gefeiert, allerdings immer mit einem gewissen Abstand zu Gefühlen im Schwedischen, denn eine eben erhaltene Nachricht ist nicht, sondern „var“ (war) interessant und der erste Bissen einer Mahlzeit kann den Ausruf „Det var gott!“ (Das war/schmeckte gut!) entlocken – Präteritum statt des im Deutschen üblichen Präsens.

Tut solche gelassene Sicht nicht gut? Vielleicht lässt sich daraus ein gewisses Merkmal eines Nationalcharakters herleiten. Überspitzung als Anliegen einer Glosse, so die grauen Zellen anzuregen, ist weiterhin erwünscht.

Renate Schliephacke, Berlin-Westend

0 Kommentare

Neuester Kommentar