Leserbriefe : Mit der Kraft der Fachkräfte

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Zum Fachkräftemangel in Deutschland vom 26. November

Wir wissen, dass die Unternehmen, die heute am lautesten „weinen“, diejenigen sind, die in den letzten zehn Jahren Zehntausende von Ingenieuren auf die Straße geschickt haben. Dass sie heute fehlen, ist deren eigene Schuld! Und sage keiner, es gebe keine Fachleute. Ich kenne mehrere Ingenieure in Berlin, die über 50 Jahre alt sind und ihr Geld als Taxifahrer oder Versicherungsvertreter verdienen oder zu Hause sitzen. Niemand soll behaupten, diese Kollegen wären nicht qualifiziert; die physikalischen und elektrotechnischen Gesetze sind noch dieselben wie vor 100 Jahren.

Die einzige Ursache, warum solche Kollegen keinen Job bekommen ist die, dass junge, dynamische Vorgesetzte „keine Lust“ haben, gestandene Fachleute als Mitarbeiter zu haben, denen sie nicht einfach ein X für ein U vormachen können. Sie befürchten, dass die „alten“ Kollegen besser sein könnten, als sie selbst.

Detlef Ley, Schönwalde-Glien

Soll man mit Firmen Mitleid haben, die sich über viele Jahre der Ausbildung von Jugendlichen als Einstieg ins Berufsleben verweigert haben, und nun merken, dass sie sich damit selbst die Zukunft verbaut haben. Da war unternehmerischer Weitblick nicht im Spiel. Vielleicht setzt sich damit die Erkenntnis durch, dass die berufliche Ausbildung von Schulabgängern nicht nur ein Beitrag gesellschaftlicher Solidarität, sondern wirtschaftlich zwingend notwendig ist, um Produktion und Nachfrage vor Ort zu entwickeln und zu erhalten.

Hans-Jürgen Hube,

Berlin-Waidmannslust

„Der Kampf um kluge Köpfe“

vom 26. November

In diesem Artikel beschwert sich die Industrie, dass sie insbesondere zu wenig akademische Fachkräfte aus den Bereich der Ingenieur- und Naturwissenschaften bekommt. Grund dafür sei der Einbruch der Studienzahlen in diesen Fachrichtungen in der Mitte der neunziger Jahre. Diese Tatsache erstaunt mich in keinster Weise! Wer ist denn schuld daran, dass die Studienzahlen so eingebrochen sind? Das sind genau die gleichen Herren und Damen, die sich jetzt über den Mangel beschweren. Ich selbst (Physiker) mit einem ausgezeichneten Abschluss in einem technologisch durchaus relevanten Arbeitsgebiet habe Anfang der Neunziger versucht, von der Hochschule in die Industrie zu wechseln, was mir nicht gelang. Das Gleiche gilt für eine Vielzahl meiner damaligen Studienkollegen auch aus den Ingenieurwissenschaften. Nicht wenige von diesen sind dann ins Ausland und hier insbesondere in die USA gegangen, weil man sie in Deutschland nicht wollte; in den USA hat man sie gerne genommen. Kaum einer von ihnen denkt daran wieder nach Deutschland zurückzukommen.

Wenn jetzt also das Geschrei nach Fachkräften aus dem Ausland immer lauter wird, dann ist die Schuld eindeutig bei den vor ca. zehn Jahren Verantwortlichen, so genannten Führungspersonen zu suchen, die nicht in der Lage sind weiter vorauszuschauen, als bis zur nächsten oder vielleicht übernächsten Hauptversammlung. Viele der damals Verantwortlichen sitzen heute übrigens in den gleichen oder ähnlichen Positionen und gehören zu denen, die laut schreien.

Ein ähnliches Desaster wird in einigen Jahren bzw. beginnt bereits mit Lehrberufen erfolgen, da die Ausbildungszahlen zu klein sind. Hier muss ich der Industrie allerdings insofern recht geben, als dass der Ausbildungsstand vieler Schulabgänger inklusive der Gymnasiasten auf einem erstaunlich niedrigen Niveau ist, wie ich aus meiner Erfahrung als Lehrender an mehreren Hochschulen berichten kann.

PD Dr. Michael Martins, Hamburg

Endlich wird aufzeigt, was in Deutschland wirklich notwendig ist. Alle müssen an einem Strang ziehen: die Politik, die Bürger – und auch die Unternehmen. Die Politik muss die Rahmenbedingungen bei der Bildung verbessern (siehe Pisa), die Eltern ihre Kinder nach Kräften unterstützen und die Betriebe müssen endlich wieder ausbilden, um sich nicht mittelfristig selbst die Grundlage ihrer Existenz zu entziehen. Nur dann kann in Deutschland der Wohlstand – wir sind, auch wenn die Zahl der Armen zunimmt, ein reiches Land – weiterhin gesichert werden.

Andreas Bock, Berlin-Schöneberg

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