Leserbriefe : Mit Kinderreichtum wächst das Armutsrisiko

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„Müssen wir den Generationenvertrag auflösen?“ vom 11. Dezember und

„Kommission sieht Familien erheblich diskriminiert“ vom 16. Dezember 2005

Erstens: Was Herr Singhammer für das „Idealbild einer Bevölkerungspyramide“ hält – eben die Pyramide –, bildet tatsächlich ein menschheitsgeschichtlich einzigartiges Katastrophenszenario ab: eine Bevölkerungsexplosion, wie wir sie im 18. und 19. Jh. in Deutschland (und Europa) hatten – und heute, zeitversetzt, in den Entwicklungsländern.

Damals waren die Proletarierinnen und Frauen aller anderen Schichten zu Kinder-„reichtum“ gezwungen. Industrie und Militär (ver-)brauchten einen Teil dieser Menschenproduktion, die Überzähligen mussten auswandern und kolonisierten die Neue Welt.

Zweitens: Singhammer vergleicht die heutigen 800 000 Geburten pro Jahr mit den 1,3 Mio. von 1965: also mit der Spitzenzeit des westdeutschen NachkriegsBabybooms. Der war jedoch ein „Einmalereignis“ und bildet sich in unserer deutschen Bevölkerungskurve als „Beule“ ab. Diese Auswölbung wächst sich in den nächsten Jahrzehnten im Bevölkerungsbaum nach oben aus. Tatsächlich verursacht also nicht ein Kindermangel, sondern diese extrem große Kohorte einen Teil der Rentenprobleme: Es sind die Massen der Babyboomer, die sich spätestens ab 2025 zur Ruhe setzen werden.

Drittens: Kinderkriegen führt in Deutschland nicht an sich zu Armut – umgekehrt: Die Zahl der Armen nimmt zu, weil sie proportional am meisten Kinder bekommen, u. a. als Folge des derzeitigen finanziellen Anreizsystems. Das haben politische Kreise bemerkt und steuern dem nun entgegen – mit Konzepten wie Familienkasse, Familiengeld, und mit Versuchen, Leistungen für Kinder zu entindividualisieren.

Viertens: Es gibt keine Gerechtigkeitslücke zum Nachteil von Eltern. Kinderlose zahlen für mehr als 150 Vergünstigungen an Familien mit – vom Baukindergeld bis zur kostenlosen Familienversicherung in der Krankenkasse. Selbst die vorvorletzte Bahncard-Erhöhung wurde familienpolitisch begründet. Sie zahlen für alle, die noch nicht in einer Erwerbstätigkeit stecken (die zu alimentierende Jugend von 1-24 Jahren oder älter wird in der Rechnung oft ausgelassen) – so wie für diejenigen, die nicht mehr erwerbstätig sind – u. a. jenen hohen Anteil an den Rentenausgaben für Witwen, die selbst nie in die Kassen eingezahlt haben.

Fünftens: Nachwuchs wird nicht als solcher in der Funktion als „Rentenzahler“ gebraucht. Dazu Wirtschaftsweiser Bernd Rürup: „Für die Sicherheit unseres Renten- bzw. Sozialsystems sind weniger die Besetzungszahlen der Generationen als vielmehr die Ergiebigkeit des jeweiligen wirtschaftlichen Wertschöpfungsprozesses verantwortlich.“

Sechstens: Brauchen Deutschlands Arbeitgeber Kinder?

Die Realität: Bei uns fallen an jedem Tag 1000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze weg. Insofern verhalten sich Frauen und Männer, die sich zu keinem oder nur einem Kind entschließen, gewissermaßen sozial und zweckrational: Wieso sollen sie die Erwerbslosen der Zukunft produzieren?

Prof. Dr. Cillie Rentmeister, Stücken

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