Leserbriefe : Moderate Muslime hassen nicht

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„Warum hassen sie uns?“

vom 10. Juli 2005

Bisher habe ich keine bessere, einfach verständliche und einleuchtendere Erklärung der Befindlichkeiten in den muslimischen Gesellschaften gelesen als die von Clemens Wergin in Ihrer Sonntagszeitung. Schon lange suche ich nach Erklärungen für bestimmte Verhaltensmuster. Als Lehrer komme ich jeden Tag mit muslimischen jungen Menschen in Kontakt und oft auch ins Gespräch, wobei gerade im jungen Alter die Probleme noch nicht artikuliert werden können, sich jedoch im täglichen Umgang mit Jugendlichen der gleichen Altersstufe manifestieren. Auch außerhalb meines Berufes engagiere ich mich in einer internationalen Bewegung (www.fokolarbewegung.de) für den Dialog unter den Religionen, den Ethnien und Weltanschauungen und stelle mit meinen Freunden in aller Welt immer wieder fest, dass sich der Dialog mit der muslimischen Weltanschauung als einer der schwierigsten herausstellt.

Trotzdem gebe ich Wergin vollkommen Recht, dass fast ausschließlich in einer „freieren Debatte“, ich würde aus der Erfahrung sagen im offenen und respektvollen Dialog ein Miteinander gefunden werden kann, das sich zu einer tragfähigen Basis entwickeln kann.

Ralf Kennis, Berlin-Steglitz

Der Artikel blendet entscheidende Faktoren in der Geschichte der letzten 30 Jahre der arabischen und anderer islamischer Staaten aus. Die Auslassungen sind typisch für die verzerrte Berichterstattung im Mainstream der deutschen Presse und gipfeln in dem Satz : „Der islamische Terrorismus ist ein Problem für uns, aber er ist nicht unser Problem. Er ist ein Problem der muslimischen Gesellschaften.“

Zu Recht wird der wahabitische Fundamentalismus in Saudi-Arabien kritisiert. Unterschlagen wird jedoch, dass Saudi-Arabien neben der Türkei der wichtigste Verbündete der USA, also der Führungsmacht „des Westens“, im Nahen Osten seit den vierziger Jahren war und ist.

Unterschlagen wird ebenfalls, dass das Taliban-Regime, als es noch gegen die Sowjetunion kämpfte, von den USA aufgerüstet wurde. Die (leider schwachen) liberalen und authentisch laizistischen Kräfte, moderate Muslime ebenso wie die demokratische Linke in Ägypten und der Türkei hassen „uns“ nicht; sie sind allerdings tief enttäuscht über die machtpolitischen Allianzen der USA mit den korrupten und diktatorischen Regierungen in Ägypten, Saudi-Arabien und Pakistan.

Dr. Michael Bochow, Berlin-

Schöneberg

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