Leserbriefe : Müssen wir den alten Generationenvertrag auflösen?

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„Wir überschreiten alle Schmerzgrenzen“

vom 5. Dezember 2005

Es ist ein Kulturproblem, das Resultat jahrzehntelanger Vermittlung falscher Werte und Ziele. Kinderlose sollten einen ähnlichen monatlichen Beitrag, den Eltern für ihre Kinder aufbringen, in private Vorsorge zahlen. Niemand will Kinderlose bestrafen. Aber die Realität bleibt es nun mal, dass diese Leute kinderlos sind.

Ich verstehe die Berechtigung der Frage nicht. Andere Realitäten werden doch auch akzeptiert, auch wenn sie manchmal schmerzhaft sind. Mir wird jedenfalls ganz schwindlig, wenn ich daran denke, dass meine Kinder aufgrund meiner Erziehung und Unterstützung in der Ausbildung später die Rente anderer Leute zahlen und darüber hinaus vielleicht noch zur Kasse gebeten werden, weil es in der eigenen Familie einen Pflege- oder Sozialfall gibt.

Bernd Fels, Berlin

Herr Borchert behauptet: „Und die Umverteilung von Familien an kinderlose Senioren nimmt gewaltig zu, deren Renten, Gesundheits- und Pflegeversorgung ja ausnahmslos von den Kindern anderer Leute aufgebracht wird.“ Solche Behauptungen sind üble Demagogie. Haben diese kinderlosen Senioren etwa keine Beiträge in die Renten-, Gesundheits- und Pflegeversicherung einbezahlt? Es ist eine große Unverschämtheit, diese Leute als Schmarotzer hinzustellen. Die Behauptung von der Umverteilung von Familien an Kinderlose ist gleichermaßen unsinnig. Familien mit Kindern belasten natürlicherweise die öffentlichen Haushalte (für Schulen, Straßen, Krankenhäuser usw.) weit stärker. Es sei ihnen gegönnt.

Diese Kinder werden aber, wie die Dinge liegen, nicht einmal die Rente für ihre eigenen Eltern erwirtschaften können! Herr Borchert versucht mit populistischen und abenteuerlichen Rechnungen ein Rentenmodell – den Generationenvertrag nämlich – zu stützen, das längst nicht mehr funktionieren kann. Ich frage mich, warum er die Diskussion um Lösungen nicht ohne solche gehässigen und unzutreffenden Behauptungen führen kann.

Dr. Eugen Maus, Frankenthal

Sehr geehrter Herr Fels,

sehr geehrter Herr Dr. Maus,

der bisherige Generationenvertrag ist bereits aufgelöst. Deutschland braucht einen neuen Generationenvertrag, denn die Geschäftsgrundlage beispielsweise der Rentenkonzeption der fünfziger Jahre ist entfallen. Damals ging man davon aus: „Kinder bekommen die Leute immer.“ Tatsächlich befindet sich die Geburtenzahl in Deutschland seit Jahren im freien Fall.

Das Idealbild einer Bevölkerungspyramide hat sich zu einem bedrohlichen Pilz mit einem dünnen Stiel nachwachsender Generationen verwandelt. Es wird zu einer dramatischen Abnahme der Bevölkerung in Deutschland in den nächsten vierzig Jahren kommen. Dramatisch deshalb, weil sich die Altersstruktur auf den Kopf stellt. Keiner verantwortungsbewussten Politik kann es gleichgültig bleiben, wenn 1965 noch 1,3 Millionen Kinder geboren wurden, aber in den vergangenen Jahren nur noch weniger als 800 000 Babys das Licht der Welt erblickten.

Die riesigen Probleme der Sozialversicherungssysteme haben darin neben der hohen Arbeitslosigkeit ihre Wurzel. Wenn das Kinderkriegen in Deutschland zu Reichtum und Wohlstand führte, dann müsste die Geburtenentwicklung anders aussehen. Dann wäre Deutschland statt Geburtenschlusslicht im internationalen Vergleich wohl eine Nation des Kinderreichtums. Leider sieht die Wirklichkeit anders aus.

Selbstverständlich sind Kinder vor allem Lebensinhalt und Bereicherung, der sich in finanziellen Größenordnungen nicht messen lässt. Aber viele Mütter und Väter spüren auch, dass Kinder aufzuziehen und eine gute oder hervorragende Ausbildung zu gewährleisten noch nie so teuer war wie jetzt. Ein neuer Generationenvertrag muss deshalb die Gerechtigkeitslücke zum Nachteil der Eltern mit Kindern schließen helfen.

Neben der Reform der Sozialversicherungssysteme haben CDU/CSU im Koalitionsvertrag darauf gedrungen, dass wichtige Schritte aber auch außerhalb der Sozialversicherungssysteme schon im kommenden Jahr begonnen werden: mit dem Elterngeld ab 2007 und der steuerlichen Abzugsfähigkeit von Kinderbetreuung ab Januar 2006. Schon ab Januar sollen die Kosten für Kinderbetreuung steuerlich absetzbar sein. Ein schneller Schritt zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Um einen neuen Generationenvertrag zu knüpfen, brauchen wir viele solcher kleinen und großen Schritte und weniger große Sprüche.

Mit freundlichen Grüßen

Johannes Singhammer (CSU), Sprecher der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag

für Familie, Senioren, Frauen und Jugend,

Vater von sechs Kindern

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