Leserbriefe : Muss der Staat Versäumnisse deutscher Autohersteller ausbügeln?

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Foto: Promo

Zur Diskussion über staatliche Hilfen für

die deutsche Automobilindustrie

Weniger die Weltwirtschaft als die Versäumnisse, zeitgerechte Autos zu bauen, die sich ein Großteil der privaten Abnehmer wünscht, halte ich für die Ursache der Absatzflaute. Der „kleine“ Endverbraucher wünscht sich nicht nur ein schickes und bezahlbares Auto, sondern auch eins, das nach dem Kauf preisgünstig bleibt – und als Sahnehäubchen auch noch umweltfreundlich ist. Aber wo sind diese Fahrzeuge? Einige wenige werden angeboten, aber auch diese Hersteller haben es versäumt, die vorhandene Technologie auf ihre übrige Modellpalette auszuweiten.Wenn ich heute nicht weiß, ob die veraltete Technik in vier Jahren noch aktuell ist, warte ich lieber ab, bis endlich die Autohersteller was gemerkt haben …

Jörn Möhring, Berlin-Lichterfelde

Die Forderung nach staatlicher Hilfe für die Autoindustrie und die von der Europäischen Union in Aussicht gestellten 40 Milliarden Euro für die europäischen Autohersteller bringen nichts und helfen wenig. Denn die Kaufzurückhaltung der deutschen Autofahrer mit ihren durchschnittlich acht Jahre alten Autos wird bleiben. Die Verunsicherung hinsichtlich der künftigen Steuerregelungen, die Zukunftsängste, die Sorge um einen möglichen Arbeitsplatzverlust sowie steigende Autokosten bremsen den Wunsch nach einem neuen Auto nachhaltig. Wie soll ein Familienvater mal eben 35 000 Euro für eine Mittelklasselimousine locker machen, um nach drei Jahren feststellen zu müssen, dass er das Auto nur noch zum Schleuderpreis in Zahlung geben kann. Das ist betriebswirtschaftlicher Wahnsinn. Automanager und Politikerhirne werden diese Tatsachen in ihrer abgehobenen Gedankenwelt nur schwer nachvollziehen können. Denn sie fahren Luxuslimousinen mit dicken 8-Zylinder-Motoren, die das Unternehmen und der Steuerzahler bezahlt.

Albert Alten, Wernigerode

Sehr geehrter Herr Möhring,

sehr geehrter Herr Alten,

mit Recht stellen Sie die gegenwärtig viel diskutierten staatlichen Hilfen für Automobilhersteller infrage. „Luxus und Stütze passen nicht zusammen“, erklärte vor noch nicht allzu langer Zeit Porsche-Chef Wendelin Wiedeking. Gilt sein Wort auch heute noch?

Zweifellos kann die gegenwärtige Autokrise nicht allein auf die Auswirkungen der Finanzkrise zurückgeführt werden. Hohe Kraftstoffpreise und ein verändertes Kundenverhalten haben die hausgemachten Probleme vieler Hersteller ans Tageslicht gebracht: Zu lange und zu einseitig hat man auf das immer Schneller und Größer gesetzt, zu wenig den absehbaren Anstieg der Rohölpreise ins Kalkül gezogen.

Wenn nun aber selbst Unternehmen wie Toyota mit Hybrid-Autos im Angebot unter Druck kommen, dann kann es nicht allein daran liegen, dass hier irgendjemand irgendetwas „verschlafen“ hat. Wer Angst um sein erspartes Geld oder um seinen Arbeitsplatz hat, kauft keine neuen Autos und davon sind gegenwärtig auch die Hersteller von Klein- und Kompaktwagen betroffen. Gleichzeitig zeigen die Absatzschwierigkeiten der Hersteller immer stärker auch ihre Auswirkungen bei der Zulieferindustrie, die unter einen wachsenden Druck kommt. Bis Mitte nächsten Jahres wird die Branche voraussichtlich mehr als 20 000 Arbeitsplätze verlieren.

Was also ist zu tun? Subventionen haben noch nie dazu geführt, dass eine Branche wieder auf die Beine kommt. Im Gegenteil: Subventionen fördern den dringend notwendigen Strukturwandel in der Automobilbranche nicht, sondern würden ihn eher behindern. Daher sollte man nicht die Autoindustrie unterstützen, sondern die Autokäufer. Wenn wieder mehr Autos verkauft werden, kommt auch wieder mehr Geld in die Kassen der Automobilhersteller und ihrer Zulieferer.

Das Autojahr 2009 wird für die gesamte Branche schwierig. Vor allem der Export, von dem die Branche in den letzten Jahren gelebt hat, droht einzubrechen. 75 Prozent der in Deutschland produzierten Fahrzeuge gehen ins Ausland. Umso wichtiger ist es, den deutschen Markt zumindest zu stabilisieren. Die vom Bundestag beschlossene Befreiung von der Kfz-Steuer für die Käufer besonders schadstoffarmer Fahrzeuge ist sicher gut gemeint – die Wende auf dem Automobilmarkt wird sie nicht bringen. Stattdessen hätte man die längst überfällige Umstellung auf die CO2-basierte Kfz-Steuer auf den Weg bringen sollen – und zwar nicht nur für Neu-, sondern auch für Altfahrzeuge. Kombiniert mit einer „Verschrottungsprämie“ für besonders alte Fahrzeuge wäre das ein Konjunkturprogramm gewesen, das auch wirklich diesen Namen verdient.

Nachhaltig gesunden wird die Branche aber nur dann, wenn die Automobilhersteller das Innovationstempo beschleunigen und verstärkt nicht nur verbrauchsgünstige, sondern auch preislich attraktive Fahrzeuge anbieten. Dazu müssen sie stärker als in der Vergangenheit zusammenarbeiten, um die Entwicklungskosten für neue Technologien zu reduzieren. Erste, erfolgversprechende Ansätze dazu gibt es. Zum Beispiel auf dem Gebiet der Hybrid-Technologie, wo die deutschen Hersteller ihren Rückstand zügig aufholen.

Nicht jammern, sondern handeln ist das Gebot der Stunde!

Mit freundlichen Grüßen

— Willi Diez, Direktor des Instituts

für Automobilwirtschaft an der Hochschule

für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen

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