Leserbriefe : Nagen niedergelassene Ärzte am Hungertuch?

„In der Praxis“ vom 27. März

Das gegenwärtige anachronistische System, ärztliche Leistungen nach Punkten zu bewerten, soll 2009 geändert werden. Von weit größerer Bedeutung als die Punkte aber sind die den Ärzten auferlegten Budgets: Nach einem vorgegebenen Umfang wird ihnen Mehrarbeit nur noch symbolisch, praktisch aber nicht mehr bezahlt.

Wie soll sich wohl ein Arzt verhalten, wenn nach zwei Monaten eines Quartals sein Budget verbraucht ist? Wirtschaftliche Gesetze wirken auch in der Medizin: Arbeit erzeugt Kosten und niemand kann dauerhaft Arbeit leisten, wenn sie dann nicht bezahlt wird. So sind solche Budgets zutiefst leistungsfeindlich, Verkürzungen der Sprechstunden, verlängerte Wartezeiten und Schließtage sind die sichtbaren Folgen.

Wenn 2009 auch ärztliche Leistungen in Euro bewertet werden sollen, wird sich noch nichts ändern: Erst, wenn den Ärzten ihre Arbeit auch vollständig bezahlt wird, kann sich die Versorgung der Versicherten, der Bürger, verbessern.

Kein Arzt, insbesondere kein Facharzt, kann von dem während seiner Ausbildung am Krankenhaus Ersparten eine Praxis gründen oder übernehmen. Die Tilgung des immer notwendigen Kredits (sechs- bis siebenstellig, je nach technischer Ausstattung) wird immer vergessen. Die Zinsen gehen zwar in die Kosten ein, die Tilgungen aber müssen von den Ärzten aus dem Überschuss, nach Steuern, geleistet werden. Nach Abzug dieser Tilgungsraten vom Überschuss verbleibt der Mehrzahl der Vertragsärzte ein real verfügbares Einkommen, das in keiner Weise der 24-jährigen Ausbildung, der Verantwortung, einer 60-Stunden-Woche und dem unternehmerischen Risiko angemessen ist, das sich für manche Ärzte zunehmend dem Sozialhilfeniveau nähert.

Zwischen verfügbarem Einkommen und Lebensbedingungen gibt es einen elementaren Zusammenhang. Ärzte konnten schon in der Schule gut rechnen und planen, so gehen junge Ärzte unter diesen Umständen aus dem Beruf oder ins Ausland

Dr. Klaus Günterberg, Berlin-Mahlsdorf

Sehr geehrter Herr Günterberg,

Sie beklagen, dass Sie und viele andere Ärzte in freier Praxis zu wenig verdienen. Unter diesen Umständen würden sich die Einkommen der Ärzte „zunehmend dem Sozialhilfeniveau“ nähern.

Ein Blick in die Einkommensstatistik des Statistischen Bundesamtes zeigt aber, das die Lage im Durchschnitt noch nicht so dramatisch ist. So verdienen Ärzte nach Abzug aller Praxiskosten 126 000 Euro. Es gibt kaum Arztinsolvenzen in Deutschland. Auch wandern weniger als 1 Prozent aller deutschen Ärzte dauerhaft in das Ausland aus. In den neuen Bundesländern gibt es zahlreiche Gemeinden ohne Ärzte, wo man sich sofort mit einer hohen Einkommensgarantie niederlassen kann. Auch in Kliniken werden erfahrene Ärzte gesucht, und die meisten Stellenangebote bieten übertarifliche Bezahlung. Wenn die Lage für Architekten, Juristen oder Journalisten auch nur ähnlich gut wäre, würden viele junge Familiengründer mit diesen Abschlüssen vor Freude weinen.

Trotzdem haben Sie Recht, dass die in der schwarz-gelben Koalition eingeführten Budgets unsinnig sind. Sie bestrafen Patienten und ehrliche Ärzte, die ihre Patienten nicht in das nächste Quartal schieben um einen weiteren Krankenschein abrechnen zu können. Es sollte eine gemeinsame neue Honorarordnung ohne Budgets für gesetzlich und für privat Versicherte geben; gleicher Preis für gleiche Leistung bei allen Patienten. Das wäre für Ärzte gerechter und viel besser für die Patienten.

Die Zweiklassenmedizin, auf die Sie in ihrem Beitrag nicht eingehen und die für Sie vielleicht nicht so problematisch erscheint ist für den Bürger ein großes Ärgernis. Gesetzlich Versicherte, die bis zu 550 Euro Krankenkassenbeiträge pro Monat bezahlen warten sechs Wochen auf eine Magenspiegelung. Gleichzeitig muss ein privat Versicherter fürchten, dass an ihm zu viel Unnötiges gemacht wird weil er ein so lukrativer Patient ist. Daher sollten die Budgets fallen und eine einheitliche Gebührenordnung für alle Patienten eingeführt werden, wie dies auch in den anderen Ländern Europas der Fall ist. Von mir aus könnte dann das durchschnittliche Einkommen pro Jahr noch einmal um ein paar tausend Euro erhöht werden, vorausgesetzt, dass die Zweiklassenmedizin in ihrer jetzigen Form verschwindet.

Mit freundlichen Grüßen

— Prof. Dr. Karl Lauterbach (SPD), MdB,

Epidemiologe und Gesundheitsökonom

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