Leserbriefe : Neuköllnisch lernen ist sinnvoll

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„Neuköllnisch als Unterrichtsfach – ein Modellversuch birgt neue Chancen“ von Bernd Matthies vom 1. April

Ihr Artikel spielt auf Ängste an, das „gebrochene Deutsch“ jugendlicher Migranten würde Eingang in die Sprache der Mehrheitsbevölkerung finden. Der Artikel ist zwar nur als Aprilscherz gemeint. Weil diese Ängste jedoch in der öffentlichen Diskussion recht häufig geäußert werden, ist es wichtig, einige Punkte hervorzuheben, in denen das beschriebene „Neuköllnisch“ – von Jugendlichen auch als „Kiezdeutsch“ bezeichnet – von der Realität dieser Jugendsprache abweicht.

Zum einen handelt es sich nicht um eine allein „von Jugendlichen mit Migrationshintergrund entwickelte Verkehrssprache“, sondern um eine Jugendsprache, die sich gerade in gemischten Gruppen Jugendlicher deutscher und nichtdeutscher Herkunft entwickelt hat (man spricht daher auch von einem „Multiethnolekt“ oder „Panethnolekt“).

Zum anderen ist Kiezdeutsch/Neuköllnisch keine grammatisch reduzierte „Kunstsprache“, die sich in ritualisierten Drohgebärden erschöpft, wie sie der Artikel karikaturhaft darstellt. Hier ist vielmehr eine Varietät entstanden, in der sich neue sprachliche Formen entwickeln. Wir finden nicht nur bloße Vereinfachung, sondern den produktiven Ausbau grammatischer Optionen des Deutschen. So konnte im Standarddeutschen etwa eine Partikel wie bitte aus der Verbform „(ich) bitte“ entstehen, z. B. in „Bitte aussteigen“. In Kiezdeutsch enstehen auf ganz ähnliche Weise neue Partikeln, etwa lassma (aus „lass (uns) mal“) zur Einleitung von Vorschlägen, z. B. in „Lassma aussteigen“.

Es kann daher durchaus sinnvoll sein, diese Jugendsprache in den Deutschunterricht zu integrieren, dies jedoch gerade nicht, um sie als „Zweitsprache“ zu unterrichten, sondern um Jugendlichen grammatische Themen an interessanten Fallbeispielen näherzubringen und ihnen damit einen geeigneten Zugang zu grammatischen Aspekten des Standarddeutschen zu bieten, das für die Teilhabe an der Mehrheitsgesellschaft ja wesentlich ist.

Prof. Dr. Heike Wiese, Lehrstuhl für Deutsche Sprache der Gegenwart, Universität Potsdam, und Fritz Tangermann, Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung, Berlin

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