Leserbriefe : Nicht alles auf den Markt tragen

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Zur Diskussion über die Ehrenbürgerschaft Berlins für Wolf Biermann

Erst Jürgen Klinsmann, nun Wolf Biermann. Wem ist eigentlich damit gedient, solche offensichtlich unfertigen Vorschläge für die Ehrenbürgerschaft unserer Stadt – auch als Begleitmusik zu einem ordnungsgemäßen Antrag – gleich laut in der Öffentlichkeit zu verkünden und damit wohlweislich Streit auszulösen, bevor das Abgeordnetenhaus Gelegenheit gehabt hätte, darüber eine fundierte seriöse Diskussion zu führen, maßgebliche Sachverhalte zu klären und eine solide begründete Meinungsbildung zu ermöglichen?

Den Betroffenen wohl kaum! Weit eher den Initiatoren, die sich über die öffentliche Auseinandersetzung Einfluss auf die Beratung und Entscheidung versprechen mögen.

Was die beantragte Verleihung der Ehrenbürgerwürde an Wolf Biermann betrifft, so müsste doch erst einmal vor der bloßen pauschalen Behauptung im Einzelnen und im Ganzen nachgewiesen werden, dass sein Lebenswerk auch tatsächlich „in ganz hervorragender Weise“ mit Berlin verbunden und sein Bekenntnis zur Stadt „vorbildlich“ ist, mehr noch: darüber hinaus auch ihr weltweites Ansehen gefördert hat.

Soweit ich sehe,scheint das alles doch wohl eher auf seine Geburtsstadt Hamburg als auf Berlin zuzutreffen. Und hat er nicht seinem Berliner Verlag, der sich vorbildlich und unter erheblichen Risiken um die Veröffentlichung seiner herübergeschmuggelten Texte und Noten gemüht hat, zugunsten eines westdeutschen nach der Ausbürgerung den Laufpass gegeben? Das alles und noch manches andere mehr hätte besser erst einwandfrei geklärt werden sollen, bevor der Antrag auf den Markt getragen und an die große Glocke gehängt wurde.

Die Ehrenbürgerwürde ist eine rare, außerordentlich hohe, wenn nicht die höchste Auszeichnung, die die Stadt als Anerkennung, Würdigung und Dank an überaus verdiente Persönlichkeiten zu vergeben hat. Mich wundert daher, dass namentlich von Seiten politischer Mandatsträger nicht sorgfältiger, bedächtiger und verantwortlicher mit ihr umgegangen wird. Nicht nur die Personen, die durch voreilig in die Öffentlichkeit getragene Nominierungen unnötigem, weil vermeidbarem Streit ausgesetzt werden, auch sie selbst und die sie verleihende Stadt können nur allzu leicht daran Schaden nehmen.

Noch mehr wundert mich freilich, wie leicht dabei hoch- und höchstverdiente Bürger/innen übersehen werden können, auf die alle Kriterien mehr als genug zutreffen. Ich nenne nur zwei über allen Streit erhabene Namen: die langjährige Schulsenatorin, Bürgermeisterin und Präsidentin des Abgeordnetenhauses Hanna Renate Laurien und die jahrzehntelange Ausländerbeauftragte Barbara John.

Prof. Dr. Reimer Hansen,

Berlin-Rudow

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