Leserbriefe : Nicht die Kunstsammler sind die Buhmänner

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„Gefährliche Leihgaben“ vom 29. Dezember 2005

Wieder einmal die bösen Kunstsammler! „Wo aber bleibt das Positive?“ (Erich Kästner) Zugegeben, es ist seltener, aber es gibt es. Das Neue Museum Weserburg Bremen zum Beispiel funktioniert seit 15 Jahren klaglos als Sammlermuseum. Schlagworte wie „Museum als Durchlauferhitzer für Privatsammler“ sind so wohlfeil wie pauschal, und sie vertreiben Sammler, denen es um die Kunst und um sonst gar nichts geht! Auch Kunstkritiken tragen ohne Zweifel zur Erhitzung, zur Wertsteigerung der Künste bei, soll man sie deshalb sein lassen? Die Kunst und die Kunstsammler als die Buhmänner dafür verantwortlich zu machen, dass ihre Kunstwerke durch öffentliches Zeigen wertvoller werden, ist in vielen Fällen ungerecht. Der Vorwurf geht wohl eher an die öffentlichen Hände, die die Museen nicht einmal ansatzweise in die Lage versetzen, beim Kauf von Kunstwerken mit den Sammlern zu konkurrieren – um öffentliche Werte von Dauer zu schaffen.

Den Frankfurter Sammler Bock in einen Sack mit dem Ehepaar Ströher zu stopfen, ist unsachlich und unfair. Ströhers haben von Hans Grothe eine der bedeutendsten Sammlungen zeitgenössischer deutscher Kunst übernommen und für Deutschland erhalten (nicht nur von Richter und Immendorff). Ich mag mir den Aufschrei „Ausverkauf deutscher Kunst“ der Feuilletons nicht vorstellen, wenn diese Sammlung in London oder New York versteigert worden wäre. So aber bleibt sie in Deutschland und in öffentlichen Museen. Sei es in Duisburg und Bremen, und wenn sich Bonn nicht ganz so blöd anstellt, dann sogar dort. Nicht das Museum, sondern die Bonner Lokalpolitik hat vor Jahren den „Knebelvertrag“ mit Grothe geschlossen, der deshalb weit über die Möglichkeiten eines Museumsbetriebes hinwegging, weil man die Fachkompetenz der Museumsleute nicht hinzuzog. Jetzt will man sich die Rosinen herauspicken und für die jahrelangen Unterlassungen nicht mehr zuständig sein? Man empfindet es auf einmal als Zumutung, das Sammlerpaar über die Ausstellungspläne zu informieren?

Museen und Sammler sollten gemeinsam daran interessiert sein, ihre Schätze zu präsentieren, entsprechend der Unesco-Forderung des Sammelns, Bewahrens, Erforschens und Vermittelns. Unsittlichen Angeboten kann man mit einem entschiedenen Nein entgegentreten, wie es Lucius Grisebach zu Recht für das Neue Museum in Nürnberg aussprach. Wer sich als Sammler nicht an Museen binden möchte, betreibt eben sein eigenes Museum. Gute Beispiele gibt es genug, z.B. das Museum Hombroich. Wer allerdings die fachliche Kompetenz der Museen nicht missen möchte, gibt seine Kunst als Leihgabe auf Zeit oder als Dauerleihgabe an Museen. Museen – die Hamburger Kunsthalle, das Museum Kulturspeicher Würzburg, K 21 in Düsseldorf – leben besser damit, als es der Artikel von Frau Kuhn weismachen möchte.

Prof. Dr. Thomas Deecke, Berlin-Zehlendorf (bis Nov. 2005 Direktor des Neuen Museums Weserburg Bremen)

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