Leserbriefe : Nichts vorschreiben

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„Einzelne Schreibweisen freigeben“ vom 12. August 2004

1901, als die vorletzte Rechtschreibreform in Kraft trat, wurde meine Großmutter 20 Jahre alt. Die darauf folgenden Jahre war sie hauptsächlich damit beschäftigt, Kinder in die Welt zu setzen. Eine gute Hausfrau war sie allerdings nicht. Sie konnte nicht kochen und lernte es auch nie. Aber schreiben tat sie leidenschaftlich gern. Es existierte ein Schild, auf der einen Seite stand: „Stille, hier wird geruht!“ Auf der anderen Seite: „Ruhe, hier wird gestillt!“ Später sortierte sie zerrissene Strümpfe paarweise und heftete Zettel daran: „Mehr kaputt“ und „weniger kaputt“. Die wichtigste Mitteilung war als Plakat im Hause verteilt: „Bitte Thüre schließen!“ Sie schrieb Tagebücher für ihre Kinder und Briefe von erstaunlicher Länge, und alles in der alten Rechtschreibung. Keinen hat das je gestört. Umgekehrt schrieb sie niemandem vor, wie er denn zu schreiben hätte. Welch ein missionarischer Eifer an unnötigem Ort! Goethe ist durch die vorletzte Rechtschreibungsänderung auch nicht wertlos geworden. Viel Lärm um nichts. Man sollte sich nicht unbedingt daran beteiligen.

Irmgard Peters, BerlinFrohnau

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