Leserbriefe : Nordkorea hat die Bombe – und wer ist schuld?

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„Nordkoreas Bombe erschüttert die Welt“

vom 10. Oktober 2006

Dass Nordkorea nun die Atombombe hat, kommt nicht überraschend. Erschreckend ist es schon. Wie konnte es dazu kommen? Hat die internationale Gemeinschaft so lange verhandelt und sich in Diplomatie geübt, bis es zu spät war?

Dass es jetzt so weit ist, verdanken wir letztlich George W. Bush. In seiner "Rede zur Lage der Nation" 2002 sprach der US-Präsident von den „Schurkenstaaten“ Irak, Iran und Nordkorea und siedelte diese auf der „Achse des Bösen“ an. Er sagte auch, dass Amerika das Streben dieser „Schurkenstaaten“ nach Massenvernichtungswaffen nicht dulden werde. Mit dieser Rede hat er im Endeffekt zwischen den Zeilen Präventivschläge gegen genau diese Staaten angekündigt. Den Einmarsch im Irak haben die USA vor allem damit begründet, dass Diktator Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen besitze. Zweifel an deren Existenz sind mittlerweile durchaus angebracht. Dass heute Iran zumindest im (begründeten) Verdacht steht, nach Atomwaffen zu streben, und Nordkorea in den letzten Jahren seine Bemühungen in diesem Bereich so weit intensiviert hat, dass es jetzt mit Erfolg die Atombombe vorweisen kann, muss man wohl leider im direkten Zusammenhang mit der Brechstangenpolitik von Präsident Bush sehen. Beide Staaten müssen befürchten, dass sie angegriffen werden, sobald die USA wieder Truppen für einen solchen Angriff zur Verfügung haben, also im Irak und in Afghanistan, wo derzeit große amerikanische Truppenkontingente gebunden sind, ihre Präsenz verringern können. Mit der Atombombe in den Händen Nordkoreas und Irans würde das Risiko für die USA, einen solchen Angriff wie im Irak durchzuführen, unermesslich steigen.

Die Zeche zahlen nun alle Menschen dieses Planeten, die künftig in einer deutlich unsicheren Welt leben müssen. Jetzt muss man nicht nur damit rechnen, dass weltweit das atomare Wettrüsten wieder beginnen wird, sondern auch damit, dass innerhalb kürzester Zeit Terroristen Zugriff auf die Bombe haben werden.

Carsten Meyer, Hamburg

Sehr geehrter Herr Meyer,

es gibt Leute, die George W. Bush für den 11. September verantwortlich machen. Egal, dass die Attentate geplant wurden, als Bill Clinton Präsident war, oder dass islamistische Terroristen das World Trade Center schon 1993 attackiert haben. Andere geben Bush die Schuld für den iranischen Versuch, in den Besitz einer Atombombe zu gelangen. Mit den Amerikanern im Irak und in Afghanistan fühlen sich die Iraner bedroht, lautet ihr Argument. Egal, dass es eine Vielzahl von dokumentierten Belegen dafür gibt, dass Teheran die Internationale Atomenergieorganisation im Laufe der letzten beiden Jahrzehnte betrogen hat. Jürgen Trittin hat sogar versucht, Bush für den Hurrikan „Katrina“ verantwortlich zu machen. Hätte der Präsident doch bloß Kyoto unterzeichnet! Und nun kommen Sie mit der nicht ganz überraschenden These, dass Bush auch an der Krise mit Nordkorea schuld ist.

Angefangen hat alles anscheinend mit der „State of the Union“-, der „axis of evil“-Rede des Präsidenten im Jahr 2002. Doch was Bush damals gesagt hat, war einfach wahr: „Nordkorea (war) ein Regime, das sich mit Raketen und Massenvernichtungswaffen bewaffnet, während die eigene Bevölkerung verhungert.“ Neu war das Problem auch nicht.

Das Thema hat schon Bill Clinton und seine Außenministerin Madeleine Albright gequält. 1994 haben die Vereinigten Staaten den Nordkoreanern ein „Schmiergeld“ geboten. Die Amerikaner sollten Schweröl liefern. Die Südkoreaner sollten harmlose Leichtwasserreaktoren für den Norden bauen. Im Gegenzug sollte der Norden sein Atomwaffenprogramm aufgeben. In den folgenden sechs Jahren haben die USA, Südkorea (und Japan) Milliarden von Dollar über Nordkorea ausgeschüttet. Madeleine Albright ist nach Pjöngjang gereist. Das war Diplomatie. Es war Dialog. Es ist gescheitert. Die Nordkoreaner haben ihren Teil der Abmachung nie eingehalten. 2002 kam heraus, dass das Regime spätestens seit 1997 an einem zweiten, geheimen Nuklearprogramm gearbeitet hat. Zu diesem Zeitpunkt entschloss sich Bush, Nordkorea zu kritisieren.

Es scheint nicht unvernünftig zu sein, Nordkorea als Bedrohung zu bezeichnen. Bush selbst hat es in den letzten Jahren mit multilateraler Diplomatie versucht, mit Russland und China an Bord – vergeblich. Nordkorea hat weiterhin seine knappen Ressourcen in Waffen gesteckt, während fast die Hälfte der Bevölkerung (12 Millionen Menschen) nicht genug zu essen hat. Mehr als ein Drittel (6,5 Millionen) ist chronisch unterernährt. In den neunziger Jahren ist mindestens eine Million Nordkoreaner verhungert. Vielleicht würden einige Leute Bush auch gerne die Schuld an den nordkoreanischen Menchenrechtsverletzungen geben. Ich bin dankbar, dass Sie sich in diesem Punkt zurückhalten.

Ich habe mich trotzdem gewundert. Nach all dem Herumgehacke, dass Bush an allem anderen schuld sei, habe ich mich gefragt, weshalb Sie keinen einzigen Satz darüber verloren haben, was Sie tun und wie Sie das Problem lösen würden.

Mit freundlichen Grüßen

— Dr. Jeffrey Gedmin,

Direktor des Aspen Institute Berlin.

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