Leserbriefe : Nostalgie ist menschlich, Ostalgie teilweise unerträglich

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Betrifft: „Schön war die Zeit“ vom 23. August 2003

Nostalgie ist soziokulturell nachvollziehbar und bis zu einem gewissen Grad durchaus menschlich – auch im Hinblick auf die beiden Unrechtsstaaten auf deutschem Boden.

Die Gegenüberstellung von „Ostalgie“ (nach 1989) und „Westalgie“ (nach 1945), die Martenstein vornimmt und bei deren Thematisierung er die DDR aufs Ganze gesehen in ein zu euphemistisches Licht eintaucht, leidet schon an der Ignoranz der Tatsache, dass in der SBZ/DDR bereits nach 1945/49 Ostalgie – wie anders auch? – spür und erkennbar wurde, etwa in Form der Bejahung kämpferischer, autoritärer und historizistischer Attitüden.

Was die zweite Ostalgie anbelangt, sollte nicht übersehen werden, dass die SED-Nachfolgepartei (PDS) im Gegensatz zur NSDAP-Nachfolgepartei (SRP) nicht mit einem Parteiverbotsantrag konfrontiert und das Ehepaar Honecker nicht zur Rechenschaft gezogen wurde. Die angeblich so antifaschistische DDR „schmeckte“ bis zu ihrem Niedergang nach Totalitarismus. Die DDR war nicht so schlimm wie der NS-Staat, aber schlimm genug (Ralph Giordano).

Theodor W. Adornos (an Marx’ „falsches Bewusstsein“ erinnerndes) Statement, es gebe kein richtiges Leben im falschen, ist insofern wohl weniger gesinnungsgeladen als Martenstein glaubt, als es im aktuellen Kontext die Unerträglichkeit eines sowohl unreflektierten als auch politisch kalkulierten Verhaltens erfasst, das in Form von T-Shirt-Aufdrucken wie die Staatsflagge der DDR oder in Form des Herumschwenkens dieses vergangenen Hoheitssymbols das Bekenntnis zum „richtigen Leben“ in der „Deutschen Demokratischen Republik“ zur Geltung bringt.

Thomas Ordnung, Kleinmachnow

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