Leserbriefe : Nur Beratung reicht nicht

„Im Zweifel gegen das Leben – 92 Prozent aller Schwangeren, die ein behindertes Kind erwarten, treiben ab“

von Claudia Keller vom 10. September

Ich danke Ihnen vielmals für den Abdruck des Textes. Er bestätigt leider die Sorgen, die sich viele Menschen wegen der pränatalen Diagnostik machen. Denn inzwischen lastet auf jeder Schwangeren die Erwartung, auf jeden Fall einen Test machen zu lassen (obwohl er medizinisch nicht unproblematisch ist). Und falls die Diagnose „wahrscheinlich behindert“ lautet, beginnt häufig erst der Prozess des Nachdenkens, was denn nun geschehen soll. Noch unter Schock entscheiden sich nicht wenige Frauen (und Männer) zu schnell für eine Abtreibung.

Dabei geht uns verloren, welche Bereicherung auch behinderte Kinder sein können. Kinder mit Downsyndrom werden vielleicht nie ohne Hilfe Dritter leben können, aber oft sind sie ein Segen für ihre Umwelt. Leider geht unserer Gesellschaft das Bewusstsein für den Wert solcher Beziehungen immer mehr verloren. Stattdessen häufen sich die Vorwürfe gegen Eltern behinderter Kinder, warum sie nicht abgetrieben und sich und den Kindern dieses Leben „erspart“ hätten. Neuerdings muss man sich für ein behindertes Kind rechtfertigen – unglaublich. Das Kind gilt dann als Schaden, den man gefälligst zu vermeiden hat. Der Skandal der Spätabtreibungen (und dass man für sie nicht einmal eine Beratung braucht) wird immer größer.

Kinder sind kein Schaden, sondern ein Geschenk Gottes, auch die behinderten. Ihnen kommt dieselbe Würde zu wie allen anderen Menschen. Mein Leben ist durch Behinderte bereichert worden. Der Bundestag muss Spätabtreibungen endlich verbieten. Und wer sein Kind auf jeden Fall bekommen will, braucht auch keine vorgeburtliche Diagnostik.

Dr. Hartmut Spiesecke,

Berlin-Zehlendorf

Dieser Artikel macht nachdenklich. Besonders die Aussage von Herrn Dudenhausen von der Charité, „zu viele treffen ihre Entscheidung unter Schock“, macht mich betroffen. Dass sich Eltern bei einer so schwerwiegenden Entscheidung wie einer Abtreibung Zeit nehmen, um sie zu treffen, habe ich bisher für selbstverständlich gehalten. Auch wenn die Betroffenen erfahren, dass das Kind voraussichtlich behindert sein wird.

Michael Meister, Berlin-Friedenau

Eine Beratung mag ja ein Ansatz sein, aber ich finde, das reicht bei Weitem nicht aus! Ein Bekannter meinte einmal zu mir, als Eltern eines behinderten Kindes müsste man eigentlich ein Buch schreiben, damit mal klar wird, was das eigentlich heißt und man den anderen Eltern helfen kann.

Hätte er das mal getan. Jetzt bin ich selbst Mutter eines behinderten Kindes (14 Monate) und jeden Tag bin ich aufs Neue schockiert, wie wenig Hilfe man erhält, weder von den Ärzten noch vom Staat noch von der Gesellschaft. Dazu nur einige Beispiele: Die Ärzte nehmen zig Untersuchungen vor, deren Sinn und Zweck umstritten ist. Und man hat das Gefühl, das arme Kind ist nur eine Nummer für deren Statistik. Die Krankenkasse sagt, wir sind für einen Behindertenautositz nicht zuständig, das müssen Sie bei der Rentenversicherung beantragen oder bei der Pflegeversicherung. Allerdings dauert die Bearbeitung eines Behindertenausweises derzeit bis zu zwölf Monate und die Pflegeversicherung können wir erst in ein bis zwei Jahren in Anspruch nehmen, weil ja angeblich „der Pflegeaufwand nicht mehr ist als bei einem gesunden Kind in diesem Alter“. Und die Gesellschaft starrt einen an und jeder fragt: Und das konnte man nicht vorher feststellen, dass das Kind behindert sein wird? Und ich könnte noch tagelang weitere Beispiele liefern.

Unser Kind ist ein wunderbarer Sonnenschein, den wir gegen nichts in der Welt eintauschen würden. Aber bei den Torturen, die wir in dieser kurzen Zeit schon über uns ergehen lassen mussten, kann ich nicht guten Gewissens einer Mutter wissentlich zu so einem Schritt raten, denn auch im Jahr 2007 sind die Hilfestellungen aus meiner Sicht eindeutig zu gering.

Anja Schönwald, Berlin-Steglitz

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