Leserbriefe : Ohne Konsum kein Markt

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„Drogenhölle Kinderspielplatz“ vom 24.4.

Entsetzt war ich – nicht etwa wegen der dargestellten Problematik des Verkaufs von Drogen in und um den Weinbergspark in Berlin Mitte. Die ist mir als Anwohner bekannt und verleidet mir, ebenso wie der Autorin, oft den Aufenthalt im Park. Bedenklich finde ich vielmehr die Art und Weise, wie die Situation beschrieben wird, sowie die einseitige Darstellung des Problems. Die Ausführungen der Autorin sind geprägt von rassistischen Klischees, sozialanthropologischen und biologistischen Wahrnehmungsmustern, die von der Physiognomie eines Menschen auf seinen Charakter schließen wollen: Ein Drogenkäufer wird als „gehetztes Tier“ beschrieben. Ein aggressiver Kneipengast hat „schiefe Zähne“ und wird als „irrer Nazi“ tituliert. Schwarzafrikaner tragen weiße Sportschuhe, die in den Augen der Autorin wie „riesige Elefantentreter“ wirken. In welchem Rhythmus wippt wohl die junge blonde, blauäugige Joggerin, die gerade in ihren weißen Sportschuhen elfenhaft vorbeischwebt? Die Autorin sieht sie leider nicht und vermeint stattdessen zu erkennen, wie der „Anführer“ einer angeblichen Dealerbande „sein Revier markiert“. Wahrscheinlich tut er das tatsächlich. Und die Autorin hat gute Gründe, ihr Revier zu verteidigen. Ich kann die Angst der Autorin und ihre Ohnmacht gut verstehen. Sogar ihre Ressentiments. Wem oder was aber nützen solch stereotype Beschreibungen, außer, dass sie Ausgrenzung und Kriminalisierung Vorschub leisten? Und noch schwerer wiegt, dass der Beitrag – ebenso wie die Aktion der „Bürgerinitiative Weinbergsweg“ mit ihrem gegen Drogenverkäufer gerichteten Aufruf „Ihr seid hier nicht willkommen“ – wichtige Momente des Problems unterschlägt. Die Käufer und Konsumenten von Drogen zum Beispiel. Diese sind keineswegs nur gehetzte Junkies mit fettigen Haaren, als welche sie die Autorin gerne sehen möchte. Sondern sind kaufkräftige, meist gut situierte Kundschaft. Kundschaft auch für die Bars und Cafés rund um den Weinbergspark. Es sind Studenten, Künstler, Beamte,Angestellte, Handwerker, Singles, Verheiratete, Eltern, kurzum: der repräsentative Querschnitt der bundesrepublikanischen Bevölkerung. Auch wenn viele dieser Konsumenten ihre Droge nicht in der Öffentlichkeit kaufen: ohne Nachfrage kein Angebot, ohne Konsum kein Markt. Und das scheinen sich auch die Bar- und Cafébetreiber am Weinbergspark zu denken, die es sich nicht mit ihrer Klientel verscherzen wollen. Der brave Alkoholiker kann in dieser Logik gerne weiter in der Eckkneipe seine Droge konsumieren oder diese im Supermarkt organisieren. Könnte aber auch der Student sein Marihuana legal beim Spätkauf kaufen oder der Marketingexperte seinen Koks im Club, bräuchte auch der Dealer kein Revier im Weinbergspark mehr mit einem langen Messer abzustecken. Für diese Gewerbetreibenden – die tatsächlich oft einen Migrationshintergrund besitzen – böten sich dadurch sogar Aufstiegschancen an, die ihnen gerade wegen ihres Migrationshintergrundes verwehrt sind: Als Betreiber eines legalen Coffeeshops, in dem es neben Bier, Kaffee und Zigaretten auch Haschisch, Marihuana oder Koks zu kaufen gäbe. Hinter der Bar ein mit Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis ausgestatteter Schwarzafrikaner, der seine deutschstämmige Klientel gut berät und bedient. Oder: Ein in Ghana geborener Rechtsanwalt mit Kanzlei in Berlin- Mitte im Coffeeshop seiner Wahl beraten vom Soziologiestudenten, vor ein paar Jahren von Süddeutschland nach Berlin ausgewandert. Eine schöne Utopie. Dann könnten auch die kleinen Engelchen auf dem Spielplatz wieder ungestört im Sandkasten buddeln. Aber solange man nicht die Ursachen des „Drogenproblems“ angeht, ja sie noch nicht einmal benennt – ungleiche Bildungs- und Aufstiegschancen, Stigmatisierung von Menschen mit Migrationshintergrund, eine repressive Einwanderungspolitik, Abbau des Sozialstaats, eine an den Realitäten vorbeigehende Drogenpolitik und einiges mehr –, liegen Himmel und Hölle eben nahe beieinander.

Jürgen Haunss, Berlin-Mitte

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