Leserbriefe : Ohne Substanz

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„Abgeschottete Unis“

vom 13. September 2006

Dass Politiker über die Folgen einer Bürokratisierung jammern, die sie selbst den Universitäten aufgezwungen haben, ist geradezu perfide. Die Kritik an der Bürokratisierung und Banalisierung des Studiums durch die Bachelorisierung traf (und trifft) bei der Politik auf taube Ohren. Im Gegenteil wird sogar verlangt, Studiengänge zu bachelorisieren und zu modularisieren, bei denen das aus Gründen der Studieninhalte schlicht und ergreifend nicht geht (Jura, Theologie, Medizin).

Sicher war früher nicht alles besser, aber früher waren die Studierenden unbestreitbar deutlich freier in ihrer Studienplanung. Heute müssen sie sich in bachelorisierten Studiengängen ganz früh festlegen. Früher waren die Universitäten frei, Leistungen an anderen Universitäten (nicht nur in Berlin, sondern weltweit) unbürokratisch anzuerkennen. Heute müssen sie dafür auf Formalia wie „Credit Points“ und sogar auf die formell korrekte Bezeichnung der Lehrveranstaltung achten. Früher war es das Ziel der Universitäten, Bildung zu vermitteln. Heute werden sie nach dem Willen von sogenannten Bildungspolitikern immer mehr zu höheren Berufsschulen degradiert. Früher hatten die Professoren trotz geringeren Lehrdeputats mehr Zeit für Forschung und Lehre. Heute werden sie mit immer neuen, unsinnigen Bürokratielasten beladen, etwa mit einer Modularisierung nicht modularisierbarer Studiengänge oder mit der Ausarbeitung von „Ziel- und Leistungsvereinbarungen“, von denen alle Beteiligten genau wissen, dass sie nur „Zuckerwatte“ sind (sobald man reinbeißt, erweist sich, dass sie keine Substanz haben).

Professoren werden zu Drittmitteljägern degradiert und erhalten Boni dafür, dass sie möglichst viele (nicht etwa: möglichst gute) Doktoranden produzieren Die dadurch verschwendete Zeit wird dann einfach durch Erhöhung des Lehrdeputats „kompensiert“. Noch erstaunt, dass das deutsche Bildungswesen laut OECD immer weiter zurückfällt?

Prof. Dr. Torsten Körber, Jena

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