Leserbriefe : Ohne Zugeständnisse gibt es keinen Frieden

„Zehn Gründe … warum Israel den Europäern auf die Nerven geht“ von David Harris vom 20. September

Dieser Artikel reizte mich zum Protestieren. Zusätzlich stellte sich das Gefühl ein, von einem zu hören, der die kleinstaatlerischen Europäer belehren will – erfrischend provokant. Jede seiner Thesen hat einen Kern. Mancher lässt sich nicht leugnen, manchen würde man gerne leugnen, manches ist Unsinn. Wiedergutmachungsgefühle bei ehemaligen Kolonialmächten? Projizierung des Holocaust auf das moderne Israel zur Verdrängung eigener Schuldgefühle? Postnationalismus? Bei allem Respekt, aber der begeisterte Europareisende scheint Europa für homogener zu halten, als es ist. Mir erscheint es, als habe er die von ihm beschriebenen Phänomene in verschiedenen Ländern beobachtet, zum Beispiel die postkolonialen Schuldgefühle, mit denen sich vielleicht Belgien oder die Niederlande schwerer tragen als manch anderer. Oder die Projektion der hitlerschen Schrecken auf Juden ganz allgemein, was leider tatsächlich vorkommt, aber wohl ein hauptsächlich deutsches Problem bleiben dürfte. Darüber hinaus war der Autor scheinbar schon länger nicht mehr in Europa, denn sonst wäre ihm aufgefallen, dass europäische Länder, die auf Säkularismus setzen, aus aktuell gegebenem Anlass von Ignoranz gegenüber Religion weit entfernt sind.

Jennifer Hofmeister, Berlin-Rudow

Diese pauschale und einseitige Darstellung, warum Europäer ein Problem mit Israel haben, ist ärgerlich. Antiamerikanische und antiisraelische Gefühle sind in Europa nicht, wie Herr Harris behauptet, allgemein verbreitet, sondern die amerikanische und israelische Politik wird kritisch gesehen. Jüdische Siedlungen im Westjordanland zu errichten oder bestehen zu lassen, heißt Öl ins Feuer gießen. Das sieht nach Annexionsabsichten aus. Ich wundere mich schon seit langem, dass die US-Regierung nicht ihre Einflussmöglichkeiten nutzt, um die Siedlungsaufgabe zu erzwingen. Die Annexion Ostjerusalems und die Verhinderung der Rückkehr der Palästinenser in ihre Heimat sind ebenfalls Maßnahmen, die keine rechtliche Grundlage haben und für die Gegenseite unannehmbar sind. Natürlich ist die Rückkehr ein großes Problem für Israel, aber dann muss man eben für einen Verzicht darauf kompensatorische Zugeständnisse machen.

Prof. Dr. Dieter Böning,

Berlin-Lichterfelde

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