Leserbriefe : Pädagogik im Abseits

„Rot-Rot will Zugang zu Gymnasien erschweren / Koalition experimentiert weiter mit der Schulreform. Das Probejahr kommt wohl doch nicht, und Eltern dürfen weniger mitreden“ von Susanne Vieth-Entus

vom 12. Oktober

Warum die anhaltende Debatte über Zugangskriterien fürs Gymnasium? Weil der Senat, ideologisch motiviert, eine Schulpolitik des Etikettenschwindels durchboxen möchte. Und die Grünen sind, leider, Stichwortgeber in diesem Spiel. Das Etikett auf der geplanten Sekundarschule (aus Haupt-, Real- und Gesamtschule) lautet „Gleichwertigkeit der Oberschulen“. Die ausgedachte Formel basiert einzig auf dem Willen, das Abschlusszeugnis beider Schultypen „Abitur“ zu nennen. Auf diesen Trick aber fallen offenbar sehr viele Eltern nicht herein. Denn sie wissen, dass die künftigen Sekundarschulen alle Hände voll zu tun haben werden, vier Jahre lang die Differenzen zwischen ehemaligen Haupt- und Realschülern im Hinblick auf halbwegs tragfähige Abschlüsse am Ende der Mittelstufe (10. Klasse) auszugleichen. Da bleibt vier lange Jahre kaum Zeit für eine angemessene Vorbereitung aufs spätere Abiturziel. Von dieser Kärrneraufgabe der Sekundarschule wird durch Verweis aufs „Abitur nach zwölf und 13 Jahren“ seit Beginn der Reformdiskussion gezielt abgelenkt.

In der Zwischenzeit sind abstruse Vorschläge für den Zugang zum Gymnasium öffentlich verhandelt worden: Numerus clausus, Vorrang des Elternwillens, Losverfahren und Probejahr. Einiges davon wird im Orkus versinken. Jetzt soll Probeunterricht die Lösung bieten. Ja wie denn? Im Februar oder im Mai, von welchen Lehrern gehalten, nur an den nachgefragten Schulen, in welchem Fach, wie lange, mit welchen Schülern, mit oder ohne Prüfungen, schriftlich oder mündlich, wie dokumentiert, unter Beobachtung von Eltern oder der Schulaufsicht oder gar von Politikern? Und wie valide soll das Ganze sein – und wie „gerichtsfest“ gegen Einsprüche?

Ein Bombast von unproduktiven Ritualen – selbstverständlich auf Kosten der Energie aller Beteiligten. So kann man den Vorschlag nicht einmal als Luftnummer abbuchen. Wenn es tatsächlich um die Eignung von Bewerbern für konkrete Schulen geht und die Plätze knapp sind, muss die aufnehmende Schule nach persönlichen Gesprächen mit Kindern und ihren Eltern entscheiden können. Das ist überall auf der Welt so. Aufgabe des Senats wäre es, darauf zu achten, dass in die Entscheidung der Schule keine sozial diskriminierenden Momente einfließen.

Es ist erstaunlich, dass ein sozialdemokratisch dominierter Senat nicht in der Lage ist, die öffentliche Debatte auf diesen Punkt zu lenken und mit den in Frage kommenden „nachgefragten“ Gymnasien gemeinsam Aufnahmekriterien zu entwickeln. Stattdessen liebäugelt man weiterhin sozialromantisch mit der Vergabe von Restplätzen per Losentscheid – und schlimmer: man propagiert das sozialdarwinistische Gerede von der „sozialen Mischung“ oder „Entmischung“. Die Pädagogik, die es immer mit dem einzelnen Kind zu tun hat, bleibt ins Abseits verbannt.

Martin Reimann, Berlin-Lichterfelde

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