Leserbriefe : Philosophen wurden in Berlin kreativ

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„Die vertraute Fremde – Kreativität. 20. Deutscher Kongress für Philosophie 2005 an der Technischen Universität Berlin“

vom 24. September 2005

Angenommen es stimme, dass einige unserer Vorfahren sich aus den Höhlen nicht herausgetraut haben. Und diese hätten in Ermangelung einer anderen sinnvollen Tätigkeit angefangen, den anderen, mutigeren, die Welt, die sie selbst allenfalls vom Hörensagen kannten, zu erklären. Dann brauchten sie Fantasie. Aber Kreativität?

Ich will nicht in die Fußstapfen eines Thorstein Veblen treten, der in seiner „Theorie der feinen Leute“ (1899) einige nette Worte über den Luxus derartigen Müßiggangs sagt; und schon gar nicht in die von Pierre Bourdieu, der in der „Kritik der scholastischen Vernunft“ mit uns Philosophen nicht eben respektvoll umgegangen ist – na ja, jedenfalls nicht mit den akademischen, mit mir als Wochenmarkthändler wäre er vielleicht etwas gnädiger gewesen; oder Michael Naumann in der „Zeit“:

„Die Geistesgeschichte Europas beginnt mit Platons Grundbesitzerwerb: Den Hain des Akademos erwarb der Bankierssohn für 30 Drachmen. Seitdem gleicht der Streit der Geister ewigen Auseinandersetzungen von promovierten Schrebergärtnern um Einflussparzellen. Großgärtner wie Aristoteles und Thomas von Aquin oder – wir überspringen die Renaissance – Kantfichtehegelmarx; sie alle reflektierten nicht nur still fürbass, sondern auch, weil es darauf ankam, ‚die Welt zu verändern’. Und wenn es nur um die Eroberung einer Redakteursstelle ging.“

Kurz: Als ich mich für diesen Kongress anmeldete, war ich gespannt, allzu optimistisch hinsichtlich des Themas „Kreativität“ etwas Kreatives von den Nachfahren jener Höhlenhocker zu hören zu bekommen, war ich nicht. Ich bin nicht enttäuscht worden. Oder doch?

Von Günter Abel schon mal (er ist der einzige deutsche Philosophieprofessor, den ich kenne, der ein Mikrofon handhaben kann), von John Searle erst recht (ist der gut!); aber auch von Simone Mahrenholz, Niels Gottschalk-Mazouz, Michael Tomasello. Gefreut hatte ich mich auf Manfred Sommer. Aber da bin ich voreingenommen, weil ich ihn mag – spätestens seit er von Hans Blumenberg zur Schnecke gemacht wurde und trotzdem den Glauben daran, Philosoph zu sein, nicht aufgab. Blumenberg konnte in solchen Momenten etwas vom Säbelzahntiger haben. Vom Leben also. Dem außerhalb der Höhle des Philosophischen Instituts. Schöne Enttäuschung!

Heinrich Maiworm,

Königs Wusterhausen

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