Leserbriefe : Plündern Rentner die Jungen aus?

Zur Diskussion über die Rentenerhöhung zum 1.Juli

Wir Deutschen sind so sozial. Für alles und jeden haben wir Verständniss, investieren Unsummen von Geldern in alle möglichen Projekte, nur damit in Deutschland es ja niemand an etwas fehlt. Doch wenn es um die Menschen geht, die Deutschland wieder aufgebaut haben, die mit Ihrer Arbeit das Wirtschaftswunder ermöglicht haben, dann hört das Verständniss auf. Die Jungen befürchten, dass sie von den Alten „geplündert" werden. Dabei wird vergessen, dass wir in einem Staat leben, der sich im Grundgesetz dazu bekannt hat sozial zu sein.

Auch die Parteien nutzen diesen Begriff gerne, haben ihn teilweise auch in ihrem Parteinamen. Aber auch christlich wird gerne benutzt.

Anscheinend weiß niemand mehr, was diese beiden Begriffe eigentlich bedeuten. Für den anderen da sein, sich um ihn zu kümmern im Alter. Unsere Regierung und die Parteien bemühen gerne die Begriffe sozial und christlich, wenn es darum geht andere an den Pranger zu stellen. Dabei stiehlt sich unserer Staat selber immer mehr aus der Verantwortung.

Die Krönung von allem ist nun diese unsägliche Diskussion um die Rentenerhöhung. Ich möchte mal die Gesichter der ganzen jungen Generation sehen, wenn sie in dem Alter der heutigen Rentner sind und man so mit ihnen umspringt. Es herrscht in unserem Land ein Klima von Egoismus und Ellenbogenkampf. Wo soll das noch enden? Liebe junge Mitglieder aller Parteien und des Staates. Vergesst nicht, auch Ihr werdet einmal alt sein. Dann werdet Ihr ernten, was Ihr heute gesät habt.

Thomas Brandenburg, Berlin-Reinickendorf

Sehr geehrter Herr Brandenburg,

die Alten plündern die Jungen nicht aus. Wer solche Vorurteile äußert, schürt den Unfrieden zwischen den Generationen. Denn alles, was heutigen Rentnern weggenommen wird, fehlt den künftigen Rentnern. Das wissen auch die Jungen. Für viele Rentner ist es im Übrigen selbstverständlich, Kinder und Enkel zu unterstützen. Sie machen davon aber in der Regel nicht viel Aufhebens, auch wenn sie nur eine kleine Rente haben. Es darf nicht vergessen werden, dass diese Generationen oft bis zu 48 Stunden in der Woche gearbeitet hat und dass unter deutlich schlechteren Rahmenbedingungen. Sie haben Kinder großgezogen und sich um pflegebedürftige Familienangehörige gekümmert. Jetzt müssen sie fürchten, dass ihre Rente aufgrund von Kürzungen und Inflation immer weiter sinkt.

Auch wenn es zum 1. Juli eine Rentenanpassung von 1,1 Prozent geben wird, reicht diese bei weitem nicht, die Inflation von über drei Prozent aufzufangen. Die Preise für Lebensmittel und Energie steigen. Doch die Rentenanpassungen sind so gering, dass sie den Kaufkraftverlust nicht auffangen. Männer im Westen haben durchschnittlich 969 Euro Rente, Frauen 465 Euro. Im Osten sind es 1050 Euro und bei den Frauen 666 Euro. Als armutsgefährdet gilt, wer weniger als 880 Euro Einkommen im Monat zur Verfügung hat. 18 Prozent der Bundesbürger gelten mittlerweile als armutsgefährdet. Das sind alarmierende Zahlen und Entwicklungen, die gravierende Folgen für den sozialen Zusammenhalt in unserer Gesellschaft haben. Hier muss die Politik wirksam gegensteuern, damit der Sozialstaat erhalten bleibt. Schon jetzt sind 3,3 Millionen Rentner von Armut bedroht. Über 700 000 Rentner müssen hinzuverdienen. Die Armut in Ost und West nimmt stetig zu. Unterbrochene Erwerbsbiografien, Langzeitarbeitslosigkeit und geringe Einkommen tragen dazu bei, dass die Rente künftiger Ruheständler in Ost und West schrumpft.

Drei Nullrunden bei der Rente und die Abkopplung der Rentenanpassung von der allgemeinen Lohn- und Gehaltsentwicklung, besonders durch Riester-Faktor und Nachhaltigkeitsfaktor, drücken das Rentenniveau nach unten. Damit die gesetzliche Rente nicht noch weiter Richtung Grundsicherung abdriftet, muss der für 2011 geplante Nachholfaktor gestrichen werden. Es reicht auch nicht, den Riesterfaktor nur für zwei Jahre auszusetzen. Er muss komplett abgeschafft werden, denn niemand weiß, wie sich die Konjunktur entwickelt. Heute 46-Jährige können laut einer Studie der Deutschen Rentenversicherung Bund ohne private Vorsorge sowieso nur noch 88 Prozent des Alterseinkommens jetziger Rentner erreichen. Die heutigen jungen Armen werden auch die armen Alten von morgen sein, wenn man ihnen Bildungs- und Lebenschancen verwehrt.

Zudem müssen die Potenziale der Älteren viel stärker genutzt werden. Ihre Stärken müssen öffentlich sichtbar gemacht werden. Ohne dass große ehrenamtliche Engagement gerade auch Älterer, wäre unsere Gesellschaft sehr viel ärmer. Sie leisten mit ihrem mitverantwortlichen Handeln einen wichtigen Beitrag zum Humanvermögen der Gesellschaft. Dies gilt es anzuerkennen und zu würdigen. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Solidarität zwischen den Generationen beschädigt und ausgehöhlt wird.

Mit freundlichen Grüßen

— Walter Hirrlinger,

Präsident des Sozialverbands VdK Deutschland

(www.vdk.de)

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