Leserbriefe : Preußens zweites Gesicht

„Gustav, der Kapellmeister / Er war ein Preuße durch und durch, trug stolz

die Uniform, seine Orden und einen Bart wie Kaiser Wilhelm. Die Geschichte

des Gustav Sabac el Cher“

von Andreas Austilat vom 18.Januar

Der letzte „Sklavenprozeß“ fand 1854/1855 in Berlin statt. Ein Sklave namens Marcellino, der 1853 mit seinem Herrn aus Brasilien hierher gekommen war, wandte sich hilfesuchend an das Stadtgericht. Ihm wurde als Kurator der Rechtsanwalt Dr.Karl Friedrich Heinrich Straß (1803–1864) „behufs Erlangung seiner persönlichen Freiheit“ beigeordnet, der einen juristischen Kunstgrifff anwandte. Er machte einen sogenannten Diffamationsanspruch geltend, das heißt, die Aufforderung an den Herrn zur gerichtlichen Verfolgung seines Rechts am Sklaven binnen neun Monaten zur Vermeidung der Absprechung seines Eigentums. In drei Instanzen über Stadt- und Kammergericht bis zum Obertribunal, das 1855 entschied, hatte die Klage Erfolg, und war über diesen Umweg die „Befreiung“ Marcellinos gesichert, der 1874 in Berlin starb. Zur Zeit des Prozesses war übrigens Justizminister Ludwig Simons (1803–1870) in Gerüchte verwickelt, ein Teil seines Vermögens stamme aus Geschäften mit Londoner Sklavenhandelsfirmen. Auch ein Beispiel für die Ambivalenz Preußens.

Reinhard Hillebrand, Berlin-Spandau

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