Pro & Contra : Es gibt nicht „das“ Gymnasium

„Klassenkampf ums Gymnasium. Senat will Kindern aus armen Familien einen besseren Zugang ermöglichen. Ein Pro und Contra“ von Susanne Vieth-Entus und Stefan Jacobs vom 15. Februar



Als ehemaliger Schulleiter einer erfolgreichen Gesamtschule verfolge ich die Diskussion um die Zugangsbedingungen zum Gymnasium als Teil des zukünftigen zweigliedrigen Schulsystems – nicht ohne ein gewisses Schmunzeln. Ganz grob gesprochen geht die Diskussion doch um die Alternative: Eliteeinrichtung oder Bestandsschutz.

Versteht man das Gymnasium als Eliteeinrichtung zur Abgrenzung von der neu zu entwickelnden Sekundarschule, muss man den Leistungsaspekt besonders betonen, d.h. in der Konsequenz: Es können nur Schüler aufgenommen werden, deren Zeugnisnoten in der 6.Klasse erwarten lassen, dass sie das Gymnasium in der verkürzten Zeit bis zum Abitur (sechs Jahre) erfolgreich durchlaufen. Denn es wird ja keine Grundschulempfehlung mehr geben und kein Probehalbjahr und kein Abschulen zur Korrektur von Elternwille oder Grundschulempfehlung. Dies wäre für die gutbürgerlichen Bezirke – oder besser für die besonders begehrten Gymnasien – vermutlich die bevorzugte Alternative.

Regelt man den Zugang zum Gymnasium so oder so ähnlich im Schulgesetz, wird man einen großen Teil der Gymnasien im Wedding, Neukölln, Kreuzberg, Tiergarten, und – horribile dictu – bis hinein in die gutbürgerlichen Bezirke schließen müssen. Denn schon jetzt setzen sich die Jahrgänge vieler Gymnasien dort zu 50 und mehr Prozent aus Schülern ohne eine Gymnasialempfehlung zusammen. Geht man von der Quote der Schüler aus, die zurzeit an den Gymnasien - schon bei 7-jähriger Schulzeit bis zum Abitur - scheitern, werden viele Gymnasien in Berlin überflüssig sein , d. h. verkleinert oder aufgelöst werden müssen. Also doch mehr Elternwille, doch großzügigere Zugangsregelungen, schon aus Gründen des Bestandschutzes? Also wie denn nun?

Die Diskussion leidet unter der falschen Annahme, es gäbe „das Gymnasium“. Dies gibt es nicht. Die Rahmenbedingungen eines Gymnasiums im Norden Neuköllns und in Zehlendorf ( Schülerzusammensetzung, Sozialquote, Migrantenanteile, Leistungsentwicklung usf.) unterscheiden sich fundamental. Dies haben schon die TIMSS und Pisa-Untersuchungen nachgewiesen. Zu glauben, dies könne man durch busing, Einrichtung von Sozialquoten u. ä. ausgleichen, geht an der Realität vorbei.

Unter dem gleichen Problem leiden seit vielen Jahren die erfolgreichen Gesamtschulen (Martin-Buber-, Sophie- Scholl-, Gustav-Heinemann- u.a.), die immer wieder mit den aus vielerlei Gründen weniger erfolgreichen Gesamtschulen(Problembezirke, Migrantenanteile, Schülerzusammensetzung, fehlende Oberstufe usw.) in einen Topf geworfen werden. Doch gerade diese erfolgreichen und begehrten Gesamtschulen liefern mit ihren jeweiligen Profilen den stetigen Beweis dafür, dass sich Elite und Sozialquote innerhalb einer Schule verbinden lassen. Auch bei der gegenwärtigen Anmeldung übersteigt die Nachfrage zum Teil fast um das dreifache die Aufnahmekapazität – selbst im Bereich gymnasialempfohlener Schüler.

Fazit: Man lerne von den Erfolgsrezepten dieser Gesamtschulen und erhalte sie im Rahmen des neu zu entwickelnden zweigliedrigen Schulsystems als Leuchtürme der Verzahnung von individualisierter Eliteförderung und sozialer Integration.

Elmar Kampmann, ehem.Schulleiter der Martin-Buber-Gesamtschule,

Berlin-Nikolassee

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