Leserbriefe : Ratzinger hat einen scharfen Verstand

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„Wer ist Joseph Ratzinger?“

vom 10. April 2005

Martin Gehlen nimmt eine Zweiteilung in den „frühen“ und den „späten Ratzinger“ vor, deren Bruchkante entlang der 68er Bewegung verläuft. Wenn dem so ist, dann habe ich bei den Salzburger Hochschulwochen 1962 mit dem damals 35jährigen Bonner Theologie-Professor Joseph Ratzinger den „frühen Ratzinger“ kennen gelernt, der vor uns Studenten „Die Vision der Väter von der Einheit der Völker“ ausbreitete.

Aus der Erinnerung und dem noch heute in meinen Händen befindlichen – mittlerweile vergilbten – Manuskript kann ich die These vom „brillanten Denker“ voll unterstreichen. Ratzinger entwickelte vor begeisterten Studenten ein Koordinatennetz aus Antike, biblischem Erbe und dem Ringen der frühen Christenheit, die der griechisch-römischen Welt als „revolutionäre Größe“ gegenübertrat und damit eine tief gehende Infragestellung der geistigen Grundlagen der Antike und ihrer Weltordnung einleitete. Nach Ratzinger ist das Christusmysterium für die Väter ein „Mysterium der Einheit“, in der die „in Feindschaft einander entfremdeten Teile der Menschheit“ zu einem „einzigen neuen Menschen"“ zusammengefügt werden. In der Feier der Eucharistie sieht Ratzinger den „Ort der wahren Kommunikation der Menschen miteinander“, wo mit Anlehnung an Augustinus die Pfingstgemeinde „in allen Sprachen spricht und in einem Geist alle Sprachen versteht“. – Für Ratzinger eine „zeichenhafte Vorwegnahme der Kirche“, die aus der babylonischen Sprachverwirrung herausführt in das eine Volk, das Gott „aus vielen Völkern sammelt von einem Ende der Erde zum anderen“. Ratzingers Logik ist scharf, bestechend und klar.

Vor 43 Jahren hat der „frühe Ratzinger“ ein Feuer unter der akademischen Jugend entfacht – ein Feuer, das ich schon lange nicht mehr sehe.

Prof. Dr. Peter Kolbe, Berlin-Weißensee

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