Leserbriefe : REFORM DES SOZIALSYSTEMS Wieso sollen Rentner mehr zahlen?

Unser Leser Kurt Specht klagt, dass Arbeitnehmer ihr Alter nicht mehr planen können. Die Fraktionschefin der Grünen, Krista Sager, antwortet

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Betrifft: „Regierung will höhere Kassenbeiträge für Rentner“ vom 1. Juni 2003

Der Vorstoß von Politikern der Grünen, die Rentner stärker an der Gesundung der Staatsfinanzen etc. zu beteiligen, sollte nicht unwidersprochen bleiben. Ich selbst bin seit etwa fünf Jahren Rentner. Da ich glücklicherweise nie arbeitslos war, habe ich mich mein ganzes Arbeitsleben aktiv am Solidarpakt beteiligt. Ich gehöre also zu der Generation, die am Zustandekommen des heutigen Wohlstandes mit beteiligt war. Während sich die Beiträge zur Rentenversicherung stetig erhöht haben, sank, sicher nicht mit derselben Geschwindigkeit, die zu erwartende Rente. Die Politiker, gleich welcher Couleur, haben den Rentnern in der Vergangenheit immer tiefer in die Tasche gegriffen, und sie werden das wohl weiter tun. Den Arbeitnehmern wurde und wird die Planungssicherheit für ihren dritten Lebensabschnitt verwehrt.

Rentner haben keine Lobby. Nur wer zusätzliche Vorsorge getroffen hat, kann seinen während der aktiven Zeit erworbenen Lebensstandard annähernd halten. Und das müssen die zukünftigen Generationen noch viel intensiver tun. Die Planungssicherheit muss unbedingt für die nachfolgende Rentnergeneration verbessert werden. Ich kann nur hoffen, dass diese Generation aus unseren Erfahrungen lernt und sich stärker in sozialpolitische Themen einmischt und nicht alles den Politikern überlässt.

Dr. Kurt Specht, BerlinKonradshöhe

Sehr geehrter Herr Dr. Specht,

ich stimme Ihnen zu, dass auch für die Alterssicherung Planungssicherheit von großer Bedeutung ist. Deshalb haben wir in der letzten Legislaturperiode mit der Förderung der kapitalgedeckten Altersvorsorge dafür gesorgt, dass die Rente der Zukunft auf drei Beinen steht (gesetzliche Rente, betriebliche Rente und kapitalgedeckte Altersvorsorge).

Globalisierung, die demografische Entwicklung unserer Gesellschaft und die Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt machen jedoch weitere Reformen erforderlich. Heute finanzieren vier Erwerbstätige einen Rentner, in 20 Jahren werden es nur noch zwei Erwerbstätige sein. Deswegen gilt es neben der gesetzliche Rentenversicherung, die private und die betriebliche Vorsorge weiter auszubauen, denn perspektivischen ist die Höhe des Rentenniveaus nicht mehr allein durch die gesetzliche, beitragsfinanzierte Rentenversicherung finanzierbar.

Für den einzelnen mag es subjektiv so erscheinen, dass die Beiträge steigen, die Leistungen sinken. Da jedoch die meisten von uns viel länger Geld aus der Rentenkasse erhalten, weil wir alle zum Glück länger leben, trifft zumindest das Argument geringere Leistungen nicht zu, wenn man die Bezugsdauer insgesamt betrachtet. Der Anteil an Erwerbsarbeit an der Lebenszeit eines Menschen hat sich deutlich verringert, sowohl durch längere Ausbildungszeiten als auch durch längere Rentenbezugszeiten.

Neben der langfristigen Sicherung müssen wir uns auch Gedanken machen, wie wir unsere aktuellen Probleme lösen, das heißt für uns, dass alle einen Beitrag leisten müssen, auch Rentnerinnen und Rentner. Deswegen beraten wir in der Koalition über die Aussetzung der Rentenerhöhung 2004. Wir können es uns angesichts der aktuellen 4,5 Millionen Arbeitslosen nicht leisten die Rentenbeiträge von jetzt 19,5 auf 19,8 Prozent anzuheben. Aber genau das wird passieren, wenn wir jetzt nicht über Maßnahmen sprechen, die einer Erhöhung der Ausgaben der gesetzlichen Rentenversicherung entgegensteuern. Und wachsende Lohnnebenkosten sind Gift für die wirtschaftliche Entwicklung.

Wir wollen keine Kürzung der heutigen Renten, wir reden über die Aussetzung der Rentenerhöhung 2004 und wir werden uns mit der Ausgestaltung unseres Rentensystems, beispielsweise durch eine Neufassung der Rentenformel beschäftigen müssen.

Ihre Krista Sager

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