Leserbriefe : Renten als Kredite

-

Betrifft: „Wir sind nicht reformunfähig – nur etwas erschöpft“ vom 17. November 2003

Unser Rentensystem war einmal deckungsfinanziert, bis unsere allgemein demokratisch legitimierten Regierungen dieses Volksvermögen ohne speziell hierzu ermächtigenden ermittelten Volkswillen in einem veruntreuungsverwandten Akt dem Staatshaushalt einverleibten.

Zur Bemäntelung dieser Kreditaufnahme wurde der „Generationenvertrag“ nicht geschlossen, sondern diktiert und es wäre sein selbstverständliches Korrektiv gewesen, seine Einhaltung, Tragfähigkeit und Zukunftstauglichkeit fortwährend an der demographischen Entwicklung zu messen. Um gegebenenfalls rechtzeitig zur Realdeckung zurückzukehren.

Diese Selbstverständlichkeit unterblieb ganz selbstverständlich. Obendrein wurde dem in der Folge hypertrophierenden System die eigentlich dem Gesamtstaat obliegende Aufgabe der friedenswahrenden Eingliederung der Bevölkerung der ehemaligen DDR in einem erneuten veruntreuungsähnlichen politischen Akt einseitig auferlegt: Die Renten- und Sozialsysteme haben einseitig und lediglich politischer Willkür geschuldet die Kosten der Wiedervereinigung zu tragen, ganz so, als wären sie nicht auch von selbstständigen, freiberuflichen, verbeamteten natürlichen und von juristischen Personen in der Wirtschaft aufzufangen gewesen. So entspricht es dem Zustand hiesiger Kultur, dass die gesamte veröffentlichte Meinung die sich geradezu aufdrängende Frage, wo denn die vom Arbeitnehmer eingezahlten Gelder geblieben sind und womöglich gar zurückzuholen wären, nicht stellt und sich lediglich damit befasst, durch welche Leistungskürzungen bei den von langer Hand Geschädigten das Platzen der hypertrophen Blase kaschiert werden kann.

Zu diesem Zweck wird u.a. die offenkundige Unwahrheit aufgefahren, der Zustand der Sozialsysteme basiere auf der mangelnden Reproduktionswilligkeit der Deutschen. Wer derzeit einem Kind das Leben „schenkt“, sollte vor der deprimierenden Realität der systemimmanenten Überflüssigkeit weiter Teile unserer Jugend die Augen nicht verschließen.

Michael Deike, Berlin-Frohnau

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben