Leserbriefe : Rette sich, wer kann

Berlin sucht Wege aus der Armutsfalle – Neuer Sozialatlas alarmiert die Politik:

Um viele einzelne Vorschläge wird

gestritten, doch ein Konzept ist nicht in Sicht“ vom 23. November

Der Wedding kippt. Unter den gegenwärtigen finanziellen Verhältnissen sind der Kinderschutz und die soziale Ausgewogenheit im Wedding nicht mehr lange gesichert.

Ich bin Regionalleiter im Jugendamt Mitte, Bereich Gesundbrunnen. Einige Zahlen: 66 411 Einwohner, 70 Prozent nicht erwerbsfähige Empfänger von Existenzsicherungsleistungen der Einwohner unter 15 Jahren, 34 Prozent Nichtdeutsche unter 18 Jahren, 77 Prozent aller Grundschüler erhalten Lernmittelbefreiung.

„Wedding (Bezirk Mitte), Neukölln und Moabit (Bezirk Mitte) haben Kreuzberg als Gebiet mit der höchsten problemdichte abgelöst“, Zitat Monitoring Soziale Stadtentwicklung 2007.

Die Probleme und die Aggressionen im Kiez steigen rasant. In den letzten Monaten sind mehrere Mitarbeiter/-innen wiederholt in Ausübung ihrer Tätigkeiten angegriffen und verletzt worden. Bei Inobhutnahmen in Kinderschutzfällen werden meine Kollegen auf der Straße beworfen und attackiert. Jugendfreizeiteinrichtungen müssen geschlossen werden, weil kein Geld mehr zur Verfügung steht. In den unmittelbaren Hilfen für Familien wird aufgrund der Berliner Finanzpolitik gespart und gespart und gespart …

Interkulturelle Arbeit stößt an ihre Grenzen, wenn arabische oder türkische Großfamilien Kinderschutzarbeit nicht mehr zulassen und einige Weddinger Moscheen mittlerweile unter der Hand sogar als bedrohlichste Orte Deutschlands eingeschätzt werden. Die Jugendkriminalität ist im Wedding berlinweit am höchsten!

Mit der einen Hand wird den Bezirken Geld gegeben, mit der anderen Hand wird es den Bezirken doppelt wieder weggenommen. Armselig. Was hat der Berliner Senat vor? Sollen nach Bremen (Kevin), Rütli-Schule nun neue soziale Orte der staatlichen Ohmacht berühmt werden? Soldiner Kiez, Gesundbrunnen, Leopoldplatz, Beusselkiez?

Ich fürchte um diese Stadt, um die Menschen der Stadt, um die Kinder und um meine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. „Arm aber sexy“ war einmal, bald lautet der Slogan: „Rette sich, wer kann“.

Kinderschutz gibt es nicht zum Nulltarif! Der Berliner Senat muss seine politischen Prioritäten ändern – und zwar sofort: Investieren Sie wieder in die Kinder- und Jugendarbeit dieser Stadt. Lassen Sie uns und die Bevölkerung nicht im Stich!

Andreas Hampe-Grosser,

Berlin-Rudow

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