Leserbriefe : Richtig fragen

„Rätselhafte Rillen / Wozu dient das Relief der Fingerkuppen?“ von Frank Ufen

vom 23. Juli

Sie stellen die Frage „Wozu dient das Relief der Fingerkuppen?“ Sie fragen, warum die Evolution „den Menschen irgendwann (damit) ausgerüstet hat?“ Dies setzt nun schon voraus, dass es mal einen Menschen gegeben haben müsste, der keine solchen Hautreliefs gehabt haben muss. Weiter schreiben Sie, dass auch andere Primaten ebenso über Fingerhautrillen verfügen wie Koalas. Also haben unsere „Vorfahren“ die auch schon gehabt. Die Evolution hat das also nicht neu erfunden. Unsere Neugier treibt uns schon, zu fragen, warum wir diese Fingerrillen haben. Aber ich fürchte, wir laufen in eine Sackgasse, wenn wir immer nach dem „Sinn“ von solchen Strukturen suchen. Dies unterstellt, dass die Natur sich diesen „Sinn“ auch „ausdenkt“. Der Einzige, der aber bei Betrachtung von solchen Strukturen an Sinn denkt, ist der Mensch. Die Natur ist aber kein Ingenieur, sondern eben die Natur.

In der Natur entstehen Formen und Organstrukturen nach biologischen-physiologischen Gesetzen. Einen „Sinn“ sucht der Mensch erst immer danach. Der Embryo, der entsteht, weiß noch nicht, dass er mit den Fingerkuppen einmal tasten muss. Aber sie entstehen im Mutterleib, lange bevor er mit den Fingern tastet. Wir müssen uns also fragen, wie macht der Embryo die Fingerrillen? Hierzu gibt es eine Reihe von Erklärungsansätzen, die ein generelles Prinzip der Formenstehung in der Embryologie darstellen: Immer dann, wenn ein Epithel (Deckgewebe) eine bestimmte Größe überschreitet, dann faltet es sich. Dies gilt für das Gesicht im Frühstadium, für die Bildung von Drüsenläppchen und Azini, für Lungenbläschen, für Zahnhöcker und auch Finger (fünf an der Hand) und für die Fingerkuppen (nochmals kleine Erhebungen drauf). Auch die Zunge ist vergleichbar: Sie ist selbst eine Erhebung aus dem Mundboden und trägt auf sich eine Vielzahl von weiteren Erhebungen. Dies sind die Papillen, und man kann sich auch hier fragen, wozu sie „dienen“ …

Die Größe, Häufigkeit und Form der Faltungen unterliegt natürlich physiologischen Gesetzmäßigkeiten, die genetisch geregelt sind. Dies betrifft die Regulation mit Signalproteinen, das Zellkontaktverhalten und auch deren mechanische Eigenschaften. Die Frage nach dem „Zweck“ und den „Sinn“ wird zwar vielfach gestellt und stellenweise auch vordergründig beantwortet. Wo wir es nicht einfach erklären können, wird gesagt, man weiß es „noch“ nicht und man wundert sich. Aber, dass man die falsche Frage an die Natur gestellt hat, das merkt man erst, wenn man darüber gründlicher nachdenkt.

Prof. Dr. Ralf J. Radlanski,

Berlin-Wilmersdorf

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben