Leserbriefe : Röhre ins Licht

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„Mehr als nur ein Bauwerk aus Glas, Stahl und Beton“ vom 24. Mai und „Eine Reise ins Licht“ vom 22. Mai 2006

Fertig gestellt ja, vollendet nein! Kaum ein Berliner Bauwerk hat in den letzten Jahren so große Erwartungen geweckt und die Fantasie derart beflügelt wie das nunmehr fertig gestellte „Jahrhundertbauwerk“ am Spreebogen. Wenn man aus der gewaltigen Röhre des Nord-Süd- Tunnels auftaucht, so ist dies gewiss „eine Reise ins Licht“, wenn man indes von der Reichstagskuppel auf die von der verschwenkten Spree untermalte Stadtbahnkurve schaut, deren eleganter Schwung von der verstümmelten Bahnhofshalle jäh unterbrochen wird, dann sträuben sich einem städtebaulich die Haare. Das im Innern des Lehrter Bahnhofs empfundene Filigran-Luftige verliert sich schon in naher Ferne und die in greifbare Nähe gerückte Synthese von Funktionalität und städtebaulichem Kunstwerk wird aus heute kaum noch nachvollziehbaren Termingründen verhunzt. Auch der Bahnchef scheint das nun zu merken, setzt er doch seinem Interview auf „mehr als nur ein Bauwerk aus Glas, Stahl und Beton“ und auf die Dynamik des neuen Bahnhofsviertels. Bei Bahn- und Architekturfreunden gibt es also allen Grund zu der Hoffnung, dass der nach innen bis auf die Deckengestaltung des Untergeschosses bereits prächtige Hauptbahnhof alsbald auch nach außen vollendet wird. Schließlich zählt seit Kleist die „allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“!

Dr. Roland Jerzewski, Berlin-Tegel

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