Leserbriefe : Rom ist untergegangen, weil die Reichen dekadent gierig waren

„Westerwelle fordert neuen Sozialstaat / FDP: Wohlstand muss erarbeitet werden“ von Armin Lehmann vom 15. Februar

Die allgemeine Empörung über Westerwelles Aussagen verstehe ich nicht. Endlich outet er sich mal ganz ehrlich – wenn ihm das auch nicht bewusst sein mag. Zum Volk gehörten im alten Rom nämlich ausschließlich die Freien, die Besitzenden und die Reichen. Einzig die Oberschicht Roms frönte der „spätrömischen Dekadenz“. Die Mehrheit der Römer, also Bauern, Handwerker, kleine Gewerbetreibende und Sklaven, kämpfte wie eh und je ums tägliche Überleben.

Und das stimmt doch auch für Deutschland. Nie waren die Reichen reicher als heute, nie zahlten die Unternehmen weniger Steuern, nie wurden sie vorher durch so viele Milliarden (Banken) oder Steuergeschenke (Hotelgewerbe) entlastet. Und nie hatten wir als Arbeitnehmer so wenig übrig von unserem Monatslohn, zählt man alle zusätzlichen Steuern und Abgaben hinzu. Bald nimmt man den Unternehmen auch noch die Krankenkassenbeiträge ab. Gesellschaftliche Verantwortung? Pustekuchen – nach uns die Sintflut. Und alles zahlst du, Steuerzahler. Komisch nur, dass Herr Westerwelle so böse darüber ist.

Chris Schlüter, Berlin-Wilmersdorf

Nach 100 Tagen Schwarz-Gelb komme ich mir fast so vor wie die Amerikaner in der zweiten Amtszeit von Bush jr. – ich sehne mich danach, von Herrn Westerwelle nichts mehr zu hören, zu sehen und zu lesen.

Claudia Freyburg, Berlin-Zehlendorf

Wir leben offensichtlich in einer politischen und medialen Welt, die vieles auf den Kopf stellt. Zuerst fordert man von der Politik, wahrhaftiger zu sein, handelt dann aber jemand in diesem Sinne, wirft man ihm „Amoklauf“ vor. Wir wissen doch seit Jahren, dass ein vorgetragenes sachliches Argument nur dann eine Aufmerksamkeit erregende Resonanz erhält, wenn es plakativ vorgetragen wird. Die Äußerungen von Guido Westerwelle zu Hartz IV werden von den politischen Parteien überwiegend in folgender Reihenfolge kommentiert: 1. Er hat sachlich recht; 2. er hat das sachlich richtige Argument zu plakativ vorgetragen. Und was passiert in den Medien? Sie drehen die Argumentationsreihenfolge um und drucken in dicken Lettern „Hochnäsig auf dem gelben Wagen“, um dann darauf hinzuweisen, dass Herrn Westerwelle in der Sache zugestimmt wird. Objektive Berichterstattung? Es ist schwer, sicherlich, aber nutzen wir die kreative Kraft der Polemik, um der viel zitierten „spätrömischen Dekadenz“ keine Chance zu geben.

Gerd Maaß, Berlin-Lankwitz

Leiharbeit, Zeitarbeit, Kombilohn, Minijobs und Ein-Euro-Jobs sind alles Konstruktionen des Arbeits- und Sozialmarkts, die Ursachen darstellen für bisher und auch weiterhin kontinuierliche Absenkungen des Einkommensniveaus aller produktiven und Dienstleistungsgewerbe. Ihre Entwicklung wurde insbesondere von der FDP-Klientel nie kritisiert und stets mit Wohlwollen beobachtet und unterstützt.

Tendenzen dagegen zur Festlegung von Mindestlöhnen wurden und werden von diesen Interessenkreisen behindert und unterdrückt, um insbesondere die Funktion der unteren Entlohnungsklassen bei der Gewinnmaximierung nicht zu gefährden. Wenn der FDP-Vositzende unter diesen Aspekten Hartz IV dafür verantwortlich macht, dass sich Arbeit im unteren Einkommenssektor nicht mehr lohnt, so ist dies eine zynische Vertauschung von Ursache und Wirkung.

Vielleicht sollte es Herr Westerwelle einmal versuchen, mit dem aus seinen Auslandsaktivitäten bekannten Charme seine Klientel davon zu überzeugen, dass das Prinzip „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ seinem penetrant verfolgten Ziel ebenfalls zum Erfolg verhelfen könnte.

Dr. Bernhard Lehmann,

Berlin-Tempelhof

Westerwelle kehrt zum möllemannschen Populismus zurück, weil er die Felle in NRW wegschwimmen sieht. Es ist ein grottenschlechter Populismus. Der Vizekanzler sieht im deutschen Transfersystem Zeichen spätrömischer Dekandenz, weil die Arbeitslosen angeblich auf anstrengungslosen Wohlstand aus sind. Aber Rom ist untergegangen, weil die Reichen dekadent gierig waren und nicht, weil die Armen zu faul waren. Die altrömische Dekadenz der Gegenwart besteht darin, dass die Geldelite im Renditewahn die Zukunft unserer Kinder verspielt hat und für die steigende Arbeitslosigkeit verantwortlich ist. Und Politiker, die wie Westerwelle unbeirrt an einer neoliberalen Scheinphilosophie festhalten, haben den Grundstein für das dekadente Treiben der Banker gelegt. So viel Schaden kann das Streben nach anstrengungslosen Wohlstand gar nicht anrichten wie Westerwelle und die Banker.

Wolf Niese, Berlin-Lankwitz

Zehn Prozent der Bevölkerung besitzen 2,6 Billionen Euro Privatvermögen. 1990 war das Vermögen der Reichen noch halb so hoch. Erhöht hat es sich auch aufgrund von Entlassungen, siehe steigende Börsenkurse bei Stellenabbau.

Diese zehn Prozent der Bevölkerung sollten für ein höheres Arbeitslosengeld II zahlen, wenn sie schon nicht in der Lage sind Arbeitsplätze zu schaffen, von deren Lohn Arbeitende auch leben können.

Michael Begoll, Berlin-Mitte

Würde Guido Westerwelle es mit seiner Forderung ernst meinen, dass Arbeit sich im Einkommen widerspiegelte, müsste er umgehend Mindestlöhne etablieren. So bleibt seine Äußerung plakativ und demagogisch, als ob Hartz-IV-Empfänger Schmarotzer sind und bleiben wollen. Entlarvender kann diese Klientelvertreterpartei sich zum Abbau der sozialen Marktwirtschaft in Deutschland nicht mehr äußern.

Günter Krug, Berlin-Märkisches Viertel

Steckt unsere Gesellschaft in der Zwickmühle? Arbeit für alle ist offenbar nicht möglich. Die Finanzierung derer, die gern arbeiten würden aber nicht dürfen, offenbar auch nicht. Die, die das Geld haben, darf man nicht „verärgern“. Man darf sie höchstens noch alimentieren, damit sie nicht den „ganzen Laden auffliegen lassen“. Und an der Macht sind Politiker, die nichts so sehr vermissen lassen, wie staatsmännische Weisheit und Größe. Stattdessen gerieren sie sich wie Kinder, die endlich das Spielzeug haben, auf das sie so lange warten mussten.

Die Haltung, die Westerwelle gegenüber den Hartz-IV-Betroffenen einnimmt, läuft auf das hinaus, wovor schon Erich Kästner gewarnt hat: „Was auch immer geschieht, nie dürft ihr so tief sinken, den Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken.“

Olaf Stephan, Berlin-Altglienicke

Herr Westerwelle versucht niedere Instinkte zu wecken, indem er die Schwächsten unserer Gesellschaft diffamiert und dabei absichtlich die Tatsache verschweigt, dass es gerade die politische „Elite“ Deutschlands ist, die nicht in der Lage und willens ist, wenigstens für die Mehrheit der hier Gescholtenen Chancengleichheit zu schaffen.

Dass die Damen und Herren Politiker stillschweigend dulden, wie Artikel 1 des Grundgesetzes (Die Würde des Menschen ist unantastbar.) durch die Arbeitslosigkeit millionenfach ausgehöhlt wird. Und dann kommt noch dieser tumbe Demagoge und macht aus den Opfern Täter. Ein solcher Vizekanzler ist für die Regierung einfach untragbar!

Alexander Schwarz, Peking

Der Skandal ist: Die Diskussion hätte längst von Frau Merkel initiiert werden müssen und der CDU. Diese hat sich längst von ihrer Vorsitzenden „einlullern“ lassen und ist nicht in der Verfassung, gesellschaftlich relevante Diskussionen anzuregen. Dieses Verdienst hat Westerwelle. Ohne eine Wertedebatte mit klarer Orientierung wird eine Umverteilungsdiskussion ideologisch legitimiert, statt ökonomisch-moralisch. Wenn die Frage: Was meinen wir eigentlich, wenn von "Armut" die Rede ist, nicht geklärt wird, wird es perspektivisch keine sozialen Ausgleichssysteme mehr geben, die die Solidargemeinschaft aktiv im Sinne eines gesellschaftlichen Konsenses trägt.

Christoph Schubert,

Berlin-Falkenhagener Feld

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