Leserbriefe : S-Bahn – wo einen die Wut packt

Zum Chaos bei der Berliner S-Bahn

Wenn man sich nur die Berichte der Medien aus den letzten Monaten über die Zustände bei der S-Bahn ins Gedächtnis zurückruft, dann kann einen die Wut packen. Dieses – unser aller – wunderbare Verkehrsmittel wurde in ziemlich kurzer Zeit heruntergewirtschaftet. Die Führungskräfte haben dabei in Kauf genommen, dass Menschenleben gefährdet werden. Wenn nun von sogenannten Bauernopfern geredet wird, dann wird vergessen, dass diesen recht gut bezahlten Leuten der Mut fehlte, das Richtige zu tun – nämlich der Konzernspitze zu erklären, dass man den Betrieb nicht auf Kosten der Sicherheit ausschlachten wird. Sie haben es nicht getan, sondern feige die überzogenen Weisungen der DB-Spitze ausgeführt.

Nur um an die Börse gehen zu können, wurden Werkstätten geschlossen, Fachleute entlassen, intakte Züge geschreddert, die Signaltechnik vernachlässigt, das Fahrpersonal reduziert. Kurz: Der Betrieb wurde auf Verschleiß gefahren.

Wie geht es weiter? Hat die neue Führungsmannschaft schon geschlossene Werkstätten wiedereröffnet, neues Werkstattpersonal eingestellt, will man weiterwursteln und immer noch zuallererst Kosten minimieren?

Manfred-Otto Richter,

Berlin-Lichterfelde

Die BVG scheint ihre Fahrzeuge ja deutlich besser zu pflegen und vor allem auch ihre Fahrgäste besser zu informieren als die S-Bahn: Durch elektronische Anzeigen an den Straßenbahn-, U-Bahn- und an vielen Bushaltestellen wird man bestens über reale Abfahrtzeiten und Störungen (sogar S-Bahn-Störungen werden benannt) informiert. Steht man hingegen auf einem mittlerweile personalfreien S-Bahnhof, erfährt man nichts, oft nicht mal mehr das Fahrtziel, und kann nur hoffen, dass der nächste Zug mit nicht allzu großer Verspätung kommt.

Jörg Maske, Berlin-Prenzlauer Berg

Es ist schon ziemlich unfair, wie mit S-Bahn-Chef Tobias Heinemann umgegangen wurde. Vielleicht wollen es die Berliner einfach nicht sehen, dass der Fuhrpark der hiesigen S-Bahn im nationalen und internationalen Vergleich aus „fahrendem Schrott“ besteht, die Kunden schon seit Jahren ständig Verspätungen, Zugausfälle und weitere Unzuverlässigkeiten hinnehmen mussten und das Personal auch im Durchschnitt deutlich servicefreundlicher orientiert sein könnte. Da ist nun ein junger, dynamischer Bahn-Manager geholt worden, der sich erkennbar „hereingehängt“ hat, um diese verkrusteten Strukturen aufzubrechen, man hat aber nichts Besseres zu tun, als diesem dann unrealistische Spar- und Gewinnvorgaben zu machen, um ihn dann, als das passiert, was für jedermann vorhersehbar war, als „Bauernopfer“ vom Hof zu jagen.

Dr. Dr. Christian Schulte,

Berlin-Frohnau,

Nach einschlägiger Literatur standen Ende 1939 knapp 1000 und Ende 1940 über 1000 Viertelzüge für das S-Bahn-Netz zur Verfügung, jetzt sind es nur wenig über 600. Mit so wenigen Fahrzeugen war die jetzige Katastrophe programmiert. Es konnte nur niemand sagen, wann sie kommt. Um das Netz betriebssicher zu halten, hätte man wenigstens ein paar hundert der alten (so alt waren einige gar nicht) Viertelzüge als betriebsfähige Reserve einmotten müssen, um sie im Bedarfsfall einsetzen zu können. Technische Pannen, gleich wer dafür verantwortlich ist, hat es immer gegeben und wird es immer geben, und darauf muss man vorbereitet sein.

Dr. Thomas Winter,

Berlin-Wilmersdorf

Da wurden im Sparwahn bewusst Tausende von Fahrgästen der S-Bahn der Gefahr für Leib und Leben ausgesetzt, indem die S-Bahn die Fristen des Eisenbahn-Bundesamtes für die Überprüfung ihrer Züge missachtete, im Gegenteil auch noch mehrfach falsche Angaben an das Amt lieferte. Wo bleibt aber die politische Verantwortung für dieses Desaster in der Verkehrspolitik? Den Börsenwahn der Mehdorn-Bahn haben auch die beiden Volksparteien zu verantworten. Leidtragende dieser Politik sind in diesem Fall die Berliner Fahrgäste.

Karl-Heinz Wiezorrek,

Berlin-Lichtenrade

Das Chaos bei der S-Bahn hat nur einen Grund: Das Unternehmen wurde von der Bahn AG wie eine Zitrone ausgepresst, damit die als möglichst hübsche Braut an der Börse erscheinen kann. Und bei der Bahn selbst sieht es wahrscheinlich keinen Deut besser aus, zumindest lassen die regelmäßigen Pannen bei den Achsen der ICEs das vermuten. Die Bahn ist seit der Bahnreform Mitte der 90er Jahre nur noch der Rendite verpflichtet, nicht mehr dem Gemeinwohl. Das muss sich schnellstens wieder ändern, der Fahrgast muss wieder in den Mittelpunkt rücken. Sonst haben wir womöglich bald bundesweit auf den Bahnstrecken Zustände wie derzeit in Berlin bei der S-Bahn.

Peter Augustin, Berlin-Steglitz

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