Leserbriefe : Sarrazin hält Berlin den Spiegel vor

„Ein Plus wird zum Minus“

von Werner van Bebber, Sabine Beikler und Stefan Jacobs vom 29. Februar

Manchmal kommt Freude bei der Lektüre des Tagesspiegels auf. Die Autoren haben es verstanden, dem Amtsträger und Menschen Thilo Sarrazin Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, weil sie hinter die vordergründige Empörung über die in der Öffentlichkeit so kritisierten „Sprüche“ des Senators zu den Wahrheiten vorgedrungen sind, die sich in seinen Provokationen verbergen. Kein Politiker will sich ohne Grund unbeliebt machen, nicht einmal Thilo Sarrazin. Aber er hält uns zu unserem großen Missvergnügen immer wieder einen Spiegel vor, der uns beim Betrachten des Bildes unserer Stadt mitunter frösteln lässt. Welch besseren Counterpart könnte sich der fürs Wohlgefühl der Stadt regierungsmäßig zuständige Herr Wowereit denn wünschen. Anders gefragt: Was wäre denn sein politisches Gewicht ohne Thilo Sarrazin?

Eckhard-Rainer Kendler,

Berlin-Moabit

„Sarrazin beleidigt Berliner Schüler /

Finanzsenator: Bayerische Kinder ohne Abschluss sind besser als die mit Abschluss in der Hauptstadt“

von Werner van Bebber vom 24. Februar

In der Sache hat Herr Sarrazin leider völlig recht. Jeder, der irgendwie in die Berliner Hochschullandschaft involviert ist, kann ein Lied davon singen, wie schlecht Berliner Schulabsolventen gerade im Vergleich zu ihren Kollegen aus Süddeutschland dastehen. Scheinbar hat Herr Sarrazin aber nicht hinreichend deutlich gemacht, dass dies keineswegs an einer mangelnden Begabung der Berliner Schüler liegt, sondern eine bittere Folge der völlig verfehlten Schulpolitik des eigenen rot-roten Senates ist.

Dr. Dr. Christian Schulte,

Berlin-Frohnau

Da beklagt der Finanzminister die Schulmisere in Berlin, zieht selbst aber keine Konsequenzen. Sein Kollege Zöllner kommt aus der „Abstiegszone“ der Schulliga der Bundesländer nicht heraus. Woran liegt es? Berlin „bietet“ Junglehrern nur 65 Prozent der bundesweiten Einstiegsgehälter, und die besten Kandidaten wandern scharenweise ab. Die Ausbeutung dank Berlin-Bonus bewirkt ständigen Qualitätsverlust hier und Entwicklungshilfe der bankrotten Hauptstadt für andere Bundesländer. Vielleicht danken die es der Hauptstadt mal beim Schuldenabbau.

Bernd Breuer, Berlin-Waidmannslust

Ich bin seit November als Vertretungslehrerin in Berlin tätig und lebe auch erst seit einigen Monaten in der Stadt. Durch meine Arbeit habe ich eine Reihe von Schulen kennengelernt und der erste Eindruck ist oft mit einer Farbe darzustellen: grau. Die Räumlichkeiten befinden sich meist in so abgewirtschaftetem Zustand, dass ich meinen Schülern und meinen Kollegen Respekt zolle, sich hier über Stunden aufzuhalten und zu arbeiten. Es beginnt bei kleinen Dingen wie fehlenden Handtüchern für Schüler und endet bei Büchern, die nicht vorhanden sind.

Herr Sarrazin macht sich über das Leistungsvermögen der Berliner Schüler lustig. Ich kann dazu sagen, dass ich die von mir unterrichteten Schüler als sehr motiviert wahrnehme, wirklich dankbar dafür, dass endlich wieder Unterricht stattfindet, nachdem er zuvor wochen- bzw. sogar monatelang ausgefallen ist, was ich nicht den Schulen anlasten möchte.

Vielleicht haben sich Herr Sarrazin und Herr Zöllner einmal damit vertraut gemacht, welchen Papierberges es bedarf, um als Vertretungslehrer arbeiten zu dürfen. Arbeitsverträge werden wochenweise abgeschlossen, es ist spannend, freitags wieder nachzufragen, ob man in der nächsten Woche weiterarbeiten könne. Und ich bemühe mich um Kontinuität, weil mir meine Schüler „auf Zeit“ am Herzen liegen, weil ich sie begeistern kann und voranbringen möchte.

Katja Eggert, Berlin-Friedenau

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