Leserbriefe : Schafft Zeitarbeit wirklich Arbeitsplätze?

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Zur Berichterstattung über

den Konjunkturaufschwung

Der Konjunkturaufschwung hält an, die Arbeitslosenzahlen sinken. Bei vielen deutschen Großkonzernen beispielsweise der Deutschen Telekom oder der Allianz läuft der Stellenabbau aber wie geplant weiter. Vergessen wird in der Berichterstattung der Medien oft, dass ein ganz erheblicher Teil des jüngsten Rückgangs der Arbeitslosenzahlen auf das Konto von Zeitarbeitsfirmen geht. Und ist das positiv zu bewerten? Sicher, Zeitarbeit ist inzwischen für viele ein Weg aus der Arbeitslosigkeit. Die führenden Anbieter von Zeitarbeit, sagen, sie hätten im letzten Jahr 30 Prozent mehr Personal eingestellt. Und Zeitarbeit ist schon lange nicht mehr nur etwas für Hilfskräfte. Hilfsarbeiter stellen zwar immer noch das Gros der Zeitarbeiter aber der Anteil der gut ausgebildeten Arbeitskräfte wächst stetig. Die Bezahlung von Zeitarbeitnehmern liegt jedoch unter den durchschnittlichen Tariflöhnen der regulär Beschäftigten – genau davon leben die Zeitarbeitsfirmen. Die Mindeststundenlöhne liegen zwischen 5,77 und 7,15 Euro – wer kann damit heutzutage noch seinen Lebensunterhalt finanzieren?

Oft ist es so, dass Unternehmen reguläre Arbeitsplätze abbauen, um dann geringer bezahlte Leiharbeiter zu beschäftigen. Seit 2004 kann ein Zeitarbeitnehmer nämlich unbefristet an nur einen Betrieb entliehen werden. Dass ein ehemaliger Mitarbeiter dann für weniger Geld an seinem alten Arbeitsplatz sitzt, kommt nicht selten vor. Im Endeffekt spart das Unternehmen Personalkosten und den sozialen Sicherungssystemen gehen durch die geringeren Gehälter Einnahmen verloren.

Da stellt sich doch die Frage: Schafft Zeitarbeit wirklich Arbeitsplätze?

Andreas Bock, Berlin-Schöneberg

Sehr geehrter Herr Bock,

Ihre Frage ist berechtigt, zumal es immer noch sehr viele Vorurteile gegen Zeitarbeit gibt. Sie lässt sich aber sehr eindeutig beantworten: Ja, Zeitarbeit schafft Arbeitsplätze. Wobei ich einschränkend hinzufügen möchte: Die Arbeit selbst entsteht in den Unternehmen, die Zeitarbeit nutzen.

Im vergangenen Jahr ist die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland um rund 370 000 angestiegen – gut die Hälfte dieser Arbeitsplätze sind in der Zeitarbeit entstanden. An diesem Punkt sprechen wir von tatsächlichem Zuwachs an Beschäftigung, nicht von Umschichtung. Dass die Zeitarbeit einen solchen Aufschwung erlebt, verwundert nicht. In Zeiten anspringender Konjunktur ist es üblich, dass Unternehmen die steigenden Auftragseingänge zunächst über Zeitarbeit abfedern, weil sie feste Einstellungen noch scheuen und teilweise auch kurzfristig gar nicht das benötigte Personal finden können. Das ist nicht zu verurteilen.

Übrigens ist Deutschland in Sachen Zeitarbeit innerhalb Europas ein Entwicklungsland: Während der Anteil an Zeitarbeit in Deutschland bei etwa zwei Prozent liegt, verzeichnen unsere Nachbarn bis zu fünf Prozent. Dem entsprechend hat Zeitarbeit beispielsweise in Großbritannien auch nicht den negativen Beigeschmack wie hier in Deutschland. Das liegt auch daran, dass viele Zeitarbeiter gute Erfahrungen gemacht haben und die Zeitarbeit als Sprungbrett in eine dauerhafte Festanstellung sehen. Diesen „Klebe-Effekt“ beobachten wir auch in Deutschland: Schätzungsweise ein Drittel der Zeitarbeiter wird von einem Auftraggeber übernommen.

Die schlechtere Bezahlung in der Zeitarbeit ist in dem Geschäftsmodell begründet: Um für Unternehmen attraktiv zu sein, darf ein Zeitarbeiter im Vergleich zu einem regulären Angestellten nicht zu viel kosten. Andererseits wollen die Zeitarbeitsfirmen mit gutem Recht einen Gewinn erzielen und müssen auch das Risiko tragen, dass ein bei ihnen eingestellter Arbeiter nicht zum Einsatz kommt und trotzdem hohe Kosten verursacht. Weil Zeitarbeitsfirmen dieses Risiko übernehmen, tragen sie dazu bei, dass Arbeitsplätze entstehen, die sonst vielleicht in Niedriglohnländer ausgelagert würden. Und trotz des niedrigeren Verdienstes ist Zeitarbeit eine Chance, aus Arbeitslosigkeit zu entkommen und in dauerhafte Beschäftigung zurückzufinden.

Daher verurteile ich das System Zeitarbeit überhaupt nicht, sondern sehe darin eine sinnvolle Flexibilisierung am Arbeitsmarkt und derzeit auch einen Motor für neue Jobs. Abschließend möchte ich aber nicht verhehlen, dass es auch in der Zeitarbeitsbranche schwarze Schafe gibt, die sich nicht an Tarifverträge und Regeln halten und mit der Not von Arbeitsuchenden Geld machen wollen. Die seriösen Unternehmen aber sind gute Arbeitgeber, die wir als BA voll unterstützen.

Mit freundlichen Grüßen

— Frank-Jürgen Weise, Vorstandsvorsitzender der Bundesagentur für Arbeit

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