Leserbriefe : Schlag ins Gesicht der Eltern

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Betrifft: „Interview mit einem Mörder“ vom 7. August 2003

Mit großem Befremden haben wir diesen Artikel im Tagesspiegel zur Kenntnis genommen. In diesem Artikel wird – noch dazu unkommentiert – einem verurteilten Mörder ein Forum zur Eigendarstellung geboten. Selbst im Sommerloch sehen wir dafür keine Rechtfertigung. Die fehlende Kommentierung sowie die Mitleid heischenden Fragestellungen karrikieren die Täter/Opfer-Definition in nicht zu vertretender Weise. Beim Lesen des Artikels drängt sich der Verdacht auf, dass sich eine breite Öffentlichkeit bei diesem verurteilten Mörder für die Härte der verhängten Strafe symbolisch entschuldigt, in dem ihm Gelegenheit gegeben wird, über seinen traurigen Alltag im Gefängnis zu berichten.

Es ist eine sehr subjektive – vielleicht auch etwas populistische – Meinung von Eltern, aber ein Mörder wie Herr Gäfgen sollte ruhig den Gesetzen des Gefängnisses ausgesetzt werden. Ein „Rundum-Sorglospaket“, noch dazu garniert mit Selbstdarstellungsforen in den Medien, halten wir für schlicht unerträglich.

Darüber hinaus mutet es beinahe grotesk an, einen verurteilten Mörder zu rechtspolitischen Fragen zu konsultieren. Wie müssen sich die Eltern des ermordeten Jungen fühlen, wenn sie in einer renommierten Tageszeitung ein solches Interview lesen müssen – allein die Fragen, ohne die im Grunde belanglosen Antworten, sind ein Schlag in das Gesicht der Eltern und auch des Rechtsstaates.

Susanne Berhorst, Dr. Jürgen Staupe,

Dresden

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