Leserbriefe : Schnellstraßen erzeugen Pkw-Verkehr

„Immer mehr Berliner steigen aufs Rad“ von Stefan Jacobs vom 27. März

Eigentlich erfreulich, was in dem Artikel steht. Ein guter öffentlicher Nahverkehr ermuntert dazu, das Auto stehen zu lassen oder abzuschaffen. Trotz oft holpriger Straßen werden die Vorteile des Fahrrads in der Stadt zunehmend angenommen. Zum Schluss des Artikels wird aber über den Weiterbau der BAB 100 „von Treptow bis zur Frankfurter Allee“ berichtet. Er würde „deutlich mehr Anwohner ent- als belasten“.

Dem muss widersprochen werden. Eine Stadtautobahn nördlich des Bahnhofs Ostkreuz müsste zwangsläufig zu extrem hohen Belastungen für die angrenzenden Quartiere während einer jahrelangen Bauphase und, soweit nicht eine komplette Tunnelbauweise gewählt würde, auch anschließend führen. Auf jeden Fall wären hunderte Wohnungen entweder vom Abriss betroffen (Tunnel) oder für alle Zukunft durch Lärm und Abgase (Autobahn vor den Wohnungsfenstern) entwertet. Dabei sind die stadtstrukturellen Folgen noch nicht berücksichtigt. Mit großem öffentlichem Aufwand ist es gelungen, weiträumig um die Rummelsburger Bucht und nördlich davon die Stadt wohnlich und für Dienstleistungsgewerbe attraktiv zu machen. Die Anbindung nach Friedrichshain und in die Innenstadt – auch mit dem Rad – ohne eine Nord-Südbarriere ist für diese aufstrebenden Quartiere ein wichtiges Qualitätsmerkmal. Es widerspricht jeder Logik, die Wohnqualität mit Mitteln der EU und des Landes Berlin umfangreich zu verbessern, nur um sie kurz darauf dem Verkehrsfluss zu opfern. In Berlin wäre das seit Jahren der erste Autobahnbau, der so drastisch in das Gefüge der Stadt eingreift.

Aus der Forschung ist bekannt, schnelle Straßen machen nicht nur den Verkehr flüssig, sie erzeugen neuen Autoverkehr, da sich Weg-Zeit-Relationen zugunsten des Pkw verschieben, was nicht innenstadtverträglich sein kann, wie im Bericht der Stadtentwicklungsverwaltung ausdrücklich festgestellt wird. Wie und wo diese Extrembelastungen durch Entlastungen aufgehoben werden sollten, bleibt nachzuweisen.

Thomas Knorr-Siedow,

Berlin-Rummelsburg

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