Leserbriefe : SCHULBILDUNG Beleidigung der Grundschullehrer?

Leserin Doris Graf-Bergfeld wirft dem Tagesspiegel vor, die Grundschulen zu unrecht zu kritisieren. Unser Autor Harald Martenstein antwortet.

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Betrifft: „Suche Schule für mein Kind“ im Tagesspiegel vom 7. Februar 2003

Sie haben mit Ihrer pauschalen Verdammung und Diskreditierung aller Grundschulen nicht nur mich als Grundschullehrerin sondern auch alle Eltern, die bewusst auch ihre sehr intelligenten Kinder sechs Jahre die Grundschule besuchen lassen, als uninteressiert an der bestmöglichen Entwicklung der Kinder beleidigt. Anscheinend sind Sie nicht informiert über die Lernangebote, die sich methodisch weitaus vielfältiger als auf den didaktisch oft altertümlich ausgerichteten Gymnasien an die Fach und Sozialkompetenz der Kinder richten.

Den Übergang nach der vierten Klasse auf ein Gymnasium als den allein seelig machend Königsweg für einen gelungenen Bildungsgang herauszustellen, entspricht nicht meiner Auffassung von einer seriösen, unabhängigen Zeitung. Sie machen damit massiv Stimmung und verunsichern Eltern. Außerdem negieren Sie die pädagogische Fachdiskussion, die bzgl. der PISA-Ergebnisse auch in Ihrer Zeitung teilweise nachzulesen war: Eine frühe Aufteilung der Kinder führt nicht unbedingt zu einem hohen Bildungsniveau. Vielmehr brauchen wir gut ausgebildete, engagierte Lehrerinnen und Lehrer, deren Arbeit anerkannt wird und in guten äußeren Bedingungen stattfinden kann.

Doris Graf-Bergfeld,

Lehrerin an der Grundschule am

Tegelschen Ort in Reinickendorf

Sehr geehrte Frau Graf-Bergfeld, wenn die Grundschulen so wunderbar sind, wie Sie schreiben, warum stellen sich diese Schulen dann in der fünften Klasse keiner fairen Konkurrenz mit den Gymnasien? Warum werden Eltern, die ihr Kind aufs Gymnasium schicken möchten, bevormundet? Warum dürfen die Gymnasien nicht so viele Plätze anbieten, wie sie wollen und besetzen können? Wo doch, wie Sie schreiben, jeder Bildungsweg seine Berechtigung hat? Die sechsjährige Berliner Grundschule ist ein Gebilde wie die DDR. Nur mit bürokratischer Gewalt verhindert der Senat eine Massenflucht.

Unser Sohn hatte übrigens eine gute Grundschule mit guten Lehrern. Das Problem sind nicht die Schulen oder die Lehrer, das Problem ist die Berliner Schulpolitik. Sie, die Lehrerin, und ich, der Vater – wir beide sollten eigentlich Bündnispartner sein. Gemeinsames Ziel: Eine wirklich attraktive Grundschule, die sich auch ohne Zwang neben dem Gymnasium behaupten kann. Berlin hatte 50 Jahre Zeit, das zu schaffen. Dass es nicht gelungen ist, sieht man an den Anmeldezahlen für die Gymnasien.

Ich erzähle Ihnen eine Geschichte. Unser Sohn hatte Englisch ab der dritten Klasse. Der Senat hat Englisch eingeführt, aber er hat es irgendwie vergessen, die Lehrpläne zu synchronisieren. Das heißt: In den fünften und sechsten Klassen sitzen Kinder, die noch nie Englisch hatten, gemeinsam mit Kindern, die es schon zwei Jahre lernen. Wie kann das klappen? Ganz einfach. Die Kinder dürfen in Klasse drei und vier nur so wenig Englisch lernen, dass sie keinen nennenswerten Vorsprung vor den Anfängern haben. Sie dürfen also nicht schreiben. Sie dürfen keine Vokabeln lernen. Sie singen meistens. Sie verschwenden Zeit. Und warum? Damit der Senat behaupten kann, in Berlin würden die Kinder ab der dritten Klasse Englisch lernen. Was für eine freche Lüge. Mein Sohn kann nach zwei Jahren Berliner Grundschulenglisch nichts. Nach einem Tag im Gymnasium konnte er besser Latein als Englisch.

Gibt es irgendwo auf der Welt, außer in Berlin, Schulen, auf denen es den Lehrern verboten ist, den Kinder etwas beizubringen? Sehen Sie, gegen solche Verhältnisse mache ich Stimmung. Das gebe ich gern zu. Noch etwas: Wann immer Sie einen Berliner Politiker treffen, fragen Sie ihn bitte, auf welche Schule er selbst seine Kinder schickt. Sie werden interessante Antworten bekommen.

Harald Martenstein

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