Leserbriefe : Sind die Arbeitslosen selbst schuld?

NAME

Betrifft: „Schröder will mit Hartz eine ,neue Wirklichkeit’ schaffen“ vom 17. August 2002

Es gibt keine Arbeit für alle in diesem Land. Und was nicht vorhanden ist, kann auch nicht verteilt werden. Und die Hartz-Kommission lässt auch keinerlei Ansatzpunkte erkennen, wie denn Arbeitsplätze geschaffen werden könnten.

Um darüber hinwegzutäuschen, dass niemand eine Idee hat, wie dem Problem beizukommen ist, wird der Grund für die Misere mit psychologisch geschickten Mitteln auf die Betroffenen selbst abgewälzt, indem der Eindruck erweckt wird, es sei ja Arbeit da; man müsste nur den Druck auf die Betroffenen erhöhen und – schwupp – wäre das Problem gelöst.

Davon jedoch, dass man wieder und wieder suggeriert, die Arbeitslosen seien ja selbst schuld an ihrer Situation, wird es aber nicht richtiger. Es lenkt nur vom eigenen Versagen ab. Es erscheint mir schon fast menschenverachtend, mit welcher Selbstverständlichkeit ausgerechnet diejenigen in der öffentlichen Meinungsmache attackiert werden, die am meisten unter ihrer Situation leiden – nämlich die Arbeitslosen. Dabei kann es buchstäblich jeden treffen.

Es wird nicht etwa Arbeit geschaffen, sondern so lange Für und Wider an sich schon zweifelhafter Maßnahmen erörtert, dass das eigentliche Problem des Fehlens von Arbeitsplätzen vollkommen in den Hintergrund gedrängt wird - und damit kein Gegenstand der öffentlichen Diskussion mehr ist.

Vor diesem Hintergrund muss es jeder ernsthaft Arbeitssuchende als Angriff auf seinen persönlichen Status quo und auf sein verfassungsmäßig garantiertes Recht eines menschenwürdigen Daseins empfinden, wenn ihm mit dieser Argumentation direktes Selbstverschulden an einer Kürzung seiner Sozialleistungen vorgeworfen wird oder zwangsweise der Wechsel des Wohnortes und damit die Aufgabe eines ganzen sozialen Lebens verlangt wird.

Was können denn im Gegenzug dafür die Arbeitssuchenden und auch alle Arbeitenden von den Inhabern der Ressource Arbeit, den Unternehmen, erwarten? Einen sicheren Arbeitsplatz? Ein festes Einkommen? Ein planbares soziales Leben? Wohl kaum. Die letzten Jahre der wirtschaftlichen Konzentration haben gezeigt, dass die Verantwortlichen in den Unternehmen ohne jegliche persönliche Haftbarkeit nur nach dem Prinzip der Gewinnmaximierung wirtschaften, ohne jede Rücksicht auf den Menschen, der im Produktionsprozess nur und nichts weiter als eine erneuerbare Ressource darstellt.

Jens Schön (Diplom-Kaufmann

z.Zt. arbeitssuchend), Berlin

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben