Leserbriefe : Sind die Deutschen kinderfeindlich?

„Krach um junge Ruhestörer / Die Klagen über lärmende Kinder nehmen zu“ vom 5. Oktober

Kinder sind unsere Zukunft – nur wollen das viele nicht verstehen. Es wird nämlich ständig und überall in Deutschland wegen angeblich unzumutbaren Kinderlärms prozessiert. Viele Schulen und Kitas können ein Lied davon singen. Eine neue Kita bauen? Fast unmöglich in diesem Land, es wird sich schon ein Nachbar finden, der dagegen klagt!

Doris Freise, Berlin-Friedenau

Mit Entsetzen habe ich dieses Urteil zur Kenntnis nehmen müssen, wie alle Urteile, die gegen Kinderlärm verhängt werden. Eine Stunde lang Bach spielen, regelmäßige Klavierübungen könne man „nicht mehr unter dem Begriff der Hausmusik einordnen“? Das können die Richter selbst nicht glauben. Ja, was soll man denn dann unter Hausmusik verstehen? Ein Instrument spielen erfordert nun einmal regelmäßiges Üben. Was sind wir doch für eine kinderfeindliche Gesellschaft geworden, Richter inklusive. Autolärm wird toleriert, Kinderlärm nicht. Das ist schizophren. Haben sich die Leute, die sich wegen Kinderlärm beschweren und vor Gericht ziehen, einmal überlegt, wie es ihnen ginge, wenn es keinen Nachwuchs mehr gäbe, wie dann ihre Rente (falls sie diese aus der gesetzlichen Sozialversicherung erhalten) aussehen würde?

Es wird allerhöchste Zeit, die Lärmschutzbestimmungen zum Wohle der Kinder, aber auch zugunsten der Laienmusiker zu ändern. Die Politiker beklagen doch dauernd den geringen Nachwuchs der Deutschen. Und kann man wirklich wollen, dass Hausmusik untersagt wird?

Burkhard Koettlitz, Berlin-Wilmersdorf

Sehr geehrte Frau Freise, sehr geehrter Herr Koettlitz,

ich kann Ihnen nur beipflichten: Ein kinderfreundliches Land sind wir offensichtlich nicht. Sicher, verschiedene Interessen müssen hier gegeneinander abgewogen werden. Auf der einen Seite steht das Recht auf Ruhe und Erholung. Auf der anderen gibt es das Recht der Kinder und Jugendlichen auf Entwicklung und Entfaltung.

Gerade in lauten und hektischen Zeiten wie den unseren ist eine Oase der Ruhe mitunter schwer zu finden. Wir alle sehnen uns danach, zumindest in den eigenen vier Wänden oder im Garten abschalten und entspannen zu können. Völlig berechtigt ist daher auch die Forderung nach weniger Verkehrslärm oder Baugeräuschen in unserem Lebensumfeld. Hier sind wir, gerade in Großstädten oder in der Nähe von Industrie- und Verkehrsknotenpunkten, viel zu vielen Reizen und zustätzlichem Stress ausgesetzt. Doch es kann nicht sein, dass die Geräusche, die von spielenden oder musizierenden Kindern ausgehen, genauso bewertet werden wie der Lärm eines Presslufthammers! Zumal es so scheint, als hätte man mit einer Klage gegen einen Kindergarten eher Erfolg als gegen Verkehrslärm. In der Rechtssprechung galt seit langem der Grundsatz, dass Kindergeräusche unter einem allgemeinem Toleranzgebot stehen.

Offensichtlich gilt das nun nicht mehr. Kinder werden als Störenfriede und Krachmacher abgestempelt und aus den Wohngebieten verbannt. Dabei gehören sie als unsere Zukunft in die Mitte der Gesellschaft!

Auch ich bin entsetzt über diese Entwicklung. Doch welchen Weg können wir gehen, um Kinder in den Mittelpunkt zu stellen?

Kinder haben ein Recht auf Entfaltung ihrer Persönlichkeit, und dazu gehört auch das Spielen und Toben, das Lachen, Singen und Ausprobieren. Und sie haben einen Anspruch auf den Schutz und die Unterstützung durch die Gemeinschaft. Im Zweifel muss dieses Recht in der Abwägung zweier Interessen stärker wiegen.

Doch Kinder werden von Politik und Gesellschaft weiterhin nicht als eigenständige Akteure wahrgenommen. Beispielsweise wurden immer wieder kindgerechte Neuregelungen zum Lärm verhindert und landeten dann auf dem Verschiebebahnhof zwischen Bund, Ländern und Kommunen. Viele Mitstreiterinnen und Mitstreiter sind bereits durch die rechtlichen Instanzen gezogen, um hier Änderungen zu erwirken. Auch ich habe als Kinderpolitikerin mehrfach versucht, bessere Regelungen zu erstreiten und stand vor verschlossenen Türen. Doch die formalen Wege, hier Verbesserungen für Kinder zu erreichen, sind ausgereizt. Es scheint, als würden wir vor organisierter Verantwortungslosigkeit stehen!

Wir brauchen einen mentalen Wandel, eine andere Kultur im Umgang mit Kindern. Kinderrechte müssen im Grundgesetz verankert werden. Dieser längst überfällige Schritt stärkt Kinder in unserer Gesellschaft und schafft die Voraussetzungen, bereits bestehende Regelungen neu zu überdenken und zu formulieren. Kinderrechte in der Verfassung zu verankern bedeutet ein gesellschaftliches Bekenntnis zu einer kinderfreundlichen Gesellschaft. Dieses Bekenntnis ist heute nötiger denn je. Daraus folgend würden die Bedürfnisse von Kindern mehr Berücksichtigung finden. So könnte daraus eine konsequentere Privilegierung von Kinderlärm im Baurecht folgen, insbesondere bei Kindergärten und Spielplätzen. Kindergärten könnten in Wohngebieten bleiben und kleine Mädchen ungestört Klavier üben.

— Ekin Deligoez, Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90/Grüne und in der Kinderkommission

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