Leserbriefe : Sind Heuschrecken das Ende für die soziale Marktwirtschaft?

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„Die Heuschrecke als Arbeitgeber“

vom 19. Dezember

Die Finanzinvestoren sind einzig an Profitmaximierung interessiert und an nichts mehr anderem. Nicht umsonst hat Müntefering diese Gilde als Heuschreckenplage betitelt. Und was nun auch ein uns allseits bekanntes Nachrichtenmagazin darüber zusammengestellt hat, lässt nur noch Ekel aufkommen und instinktiv nach Insektenvertilgungsmittel suchen.

Die Arbeitsplätze, die sporadisch unter der Fuchtel dieser Heuschrecken entstehen, haben wohl kaum etwas gemeinsam mit einer sozialen Marktwirtschaft. Sie erinnern im Gegensatz dazu eher an Zeiten des Manchester-Kapitalismus im 19. Jahrhundert. „EZB-Chef warnt vor höheren Löhnen“ hieß doch der Aufmacher am 18. Dezember im Tagesspiegel. Da zeigt das Finanzkapital sein wahres Gesicht. An den nicht so rosigen Zeiten wird die Arbeitnehmerschaft sofort beteiligt – durch Lohnkürzungen, Kurzarbeit, Rausschmiss und dergleichen. Gewinne werden hingegen nicht anteilig weitergegeben. Das ist Ausbeutung pur. Zeiten, die ich wähnte, dass sie vorbei sind. Diese Gier des großen Geldes, wie es unser schon oben angeführtes Nachrichtenmagazin treffend betitelt, reiht sich lückenlos in die schon ausgemachten Geiseln dieses Jahrhunderts ein. Ein Frontalangriff auf unsere Zivilisation in gleicher Augenhöhe mit islamistischem Terror.

Ich möchte nicht missverstanden werden. Weder bin ich Antikapitalist noch sonst wie ein Weltverbesserer. Was aber diese heutigen Finanzinvestoren veranstalten, hat in unserer Zivilisation des 21. Jahrhunderts nichts zu suchen. Ich gehöre lediglich einer Generation an, der man als Vermächtnis hinter die Ohren geschrieben hat, das Maul aufzureißen, wenn etwas anfängt zu stinken.

Bernhard H. Behrens, Berlin-Spandau

Sehr geehrter Herr Behrens,

auch ich gehöre der Generation an, die sich zu Wort meldet, wenn etwas anbrennt. Karl Popper leitet mich – was die Methode anlangt: Er fordert auf, Behauptungen durch Argumente zu widerlegen. Solange eine Behauptung nicht falsifiziert ist, darf sie weiter vertreten werden. Von Max Weber lasse ich mich in Werten orientieren. Er warnte vor jenen, die sich als ethisch gerieren, weil sie für ihr Tun eine gute Gesinnung ins Feld führen. Er lobte jene, die ihr Handeln so ausrichten, dass sie ihrer Verantwortung gerecht werden, also wirkungsvoll Leben schützen, Gesundheit und Wohlstand mehren. Er redete der Verantwortungsethik das Wort. Sie klagen, dass Finanzinvestoren einzig an Profitmaximierung interessiert seien. Ich weiß nicht, ob das zutrifft. Aber lassen wir einmal diese Frage und akzeptieren die These, dass Private-Equity- Firmen nur Profit im Sinn hätten. Vielleicht wäre für das Gesamturteil noch wichtig, was da genau maximiert wird, ob beispielsweise der Gewinn für kurze Zeit, etwa ein Quartal, oder aber über die nächsten fünf Jahre. Ich vermute einmal, dass die wenigsten wissen, dass Private-Equity-Engagements in der Regel eine Unternehmensbegleitung über ein halbes Jahrzehnt bedeuten, dass die Neuausrichtung des Unternehmens viele verschiedene Talente einbindet, dass die Suche nach einem geeigneten Unternehmer oder die Vorbereitung eines Börsenganges beim Ausstieg der Private-Equity-Firma schon im Eigeninteresse des Finanzinvestors eine deutliche Stärkung des Unternehmens nahe legt. Ist es nicht wunderlich, dass in Deutschland, einem Land mit geringer Private-Equity-Aktivität – es ist weit weniger als in Großbritannien oder den USA – das Image solcher Firmen weit schlechter und die öffentliche Debatte weit negativer ist?

Aber wenn die öffentliche Beurteilung dieser Art von Unternehmensübernahmen in Deutschland schon so schlecht ist, warum kommt es dann zu solchen Transaktionen? Warum richtet sich die Kritik fast ausschließlich auf die Private-Equity-Branche? Warum eigentlich stellt die Öffentlichkeit nicht ganz andere Fragen. So zum Beispiel: Warum verkaufen die bisherigen Eigentümer ihr Unternehmen, statt es weiterzuführen? Aber einmal unterstellt, es gäbe unabweisbare Gründe hierfür, etwa weil der alte Eigentümer starb oder zu alt war, um das Unternehmen fortzuführen, warum haben sich nicht andere Interessenten als die Finanzinvestoren, um den Erwerb bemüht? Könnte es sein, dass wegen der Steuerpolitik, wegen der Mitbestimmung, wegen der Arbeitsmarktregulierung nicht mehr so viele in diesem Land davon träumen, in Deutschland Unternehmer zu sein?

Wenn dies aber so ist, warum sind wir nicht froh darüber, dass internationale Finanzinvestoren unser Land entdecken, ihr eigenes Kapital und solches, das sie von anderen mobilisieren, zur Reaktivierung deutscher Firmen einsetzen? Es könnte doch sein, dass – falls der Kern gut ist – bald auch wieder mehr deutsche Eigentümer am deutschen Standort Gefallen finden. Heuschrecken – am Ende ein „blessing in disguise“?

Mit freundlichen Grüßen

— Professor Dr. Norbert Walter,

Geschäftsleiter Deutsche Bank Research

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