Leserbriefe : Sind Migranten nicht bereit, sich in Deutschland zu integrieren?

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Foto: Thilo Rückeis

Zu Thilo Sarrazins Äußerungen über Migranten

Das zitierte „Lettre“-Interview mit Thilo Sarrazin zeigt in brillanter Weise die Darstellung der Verhältnisse von den beiden Berlin vor und nach der Wende. Die allgemeine oberflächliche Verurteilung von Thilo Sarrazin ist beschämend. Und zeigt die Uniformität und Seichtheit der heutigen Gesellschaft. Kontrovers und zuspitzend sollte eine Diskussion sein und vor allem den tatsächlichen Gegebenheiten entsprechend. Ich stimme Herrn Sarrazin uneingeschränkt zu. Wir verurteilen aus opportunistischen Gründen einen Mahner, der uns auf Fehlentwicklungen klar hinweist.

Seine Bemerkungen über Türken und Araber, die in großer Zahl nicht verfolgt wurden, also aus wirtschaftlichen Gründen in Berlin sind, sind richtig. Bund und Länder, hier Berlin, geben Unsummen für Integrationsmaßnahmen aus, treffen jedoch weitgehend auf Integrationsablehnung. Wer sich heute bestimmte Stadtteile Berlins anschaut und sich die dort vorhandenen anarchischen Verhältnisse betrachtet, muss sich wirklich fragen, ob wir mit dem von populistischen Politikern aller Parteien propagierten Laissezfaire nicht entscheidend zu dem sich in fast allen Großstädten der Bundesrepublik um sich greifenden gesellschaftsfeindlichen Entwicklungen beigetragen haben.

Lothar Schulz, Berlin-Nikolassee

Sehr geehrter Herr Schulz,

lassen Sie mich die Äußerungen von Thilo Sarrazin in Erinnerung rufen, damit auch klar ist, worüber wir hier reden. Viele Araber und Türken hätten „keine produktive Funktion, außer für den Obst- und Gemüsehandel“. Statt auf die Bildung ihrer Kinder Wert zu legen, würden türkische Migranten „ständig neue kleine Kopftuchmädchen“ produzieren. „Türken“, so Sarrazin, „erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate. Das würde mir gefallen, wenn es osteuropäische Juden wären mit einem um 15 Prozent höheren IQ als dem der deutschen Bevölkerung.“

Das ist der soziologische Tiefgang eines SPD-Politikers, der sieben Jahre Mitglied der Berliner Landesregierung war, von dem mir aber kein integrationspolitisch vernünftiger Vorschlag bekannt wäre und der jetzt nicht nur von Ihnen für seinen vermeintlichen „Heldenmut“ gefeiert wird, endlich einmal scheinbar „unbequeme Wahrheiten“ auszusprechen. Dazu gehört übrigens auch seine Analyse, dass die Bildungspopulation in Berlin angeblich „von Generation zu Generation dümmer wird“ – in einer Stadt, in der seine Partei seit 1996 den Bildungssenator stellt.

Aber das spielt für Sarrazin keine Rolle, denn in seinem sozialdarwinistischen Weltbild dominiert die archaische Stammeskultur. Sarrazin definiert Menschen nach ihrer ethnischen Herkunft und Religion, die nach seiner – zum Glück mittlerweile mehrheitlich überwundenen Denkart – alles prägen und wo niemand aus seiner vordefinierten Haut kann. Die Bedeutung von Bildung und sozialem Status ignoriert Sarrazin. Die Errungenschaften der Aufklärung – ein demokratisches und republikanisches Gemeinwesens, wo entscheidend ist, wie sich Menschen unabhängig von Herkunft und Religion in die Gesellschaft einbringen und deren Verfassungswerte leben – hat Herr Sarrazin schlicht verpasst. In dieser vielfältigen modernen Gesellschaft gibt es tatsächlich die gebildete, das Kopftuch freiwillig tragende Frau und den türkischstämmigen Atheisten oder auch arabischen Sozialarbeiter, der nicht müde wird, sich für die Kids in seinem Viertel einzusetzen. Solchen Menschen begegne ich in Berlin übrigens tagtäglich – in Frankfurter Bankentürmen und im Villenviertel Berlin-Westend wird man sie vermutlich vergeblich suchen.

Doch es gibt auch andere Seiten: Fundamentalistische Muslime, die für Demokratie und Gleichberechtigung nichts übrig haben, Mädchen, die gezwungen werden, ein Kopftuch zu tragen und Familien, bei denen die Kinder mehr Zeit vor dem Fernseher verbringen als über ihren Schulbüchern. Sarrazin zu kritisieren bedeutet nicht, solche Missstände unter den Teppich zu kehren. Gerade als Politiker türkischer Herkunft empfinde ich eine besondere Verantwortung, das immer wieder deutlich anzusprechen. Doch mit seiner Vorgehensweise hat Sarrazin der Integration nur einen Bärendienst erwiesen, wenn die Fronten sich jetzt verhärten und etwa auch Türkischstämmige, die vorher kritisch miteinander diskutiert haben, sich nun gegen ihn solidarisieren. Denn eine bessere Integration werden wir nicht nur dadurch erreichen, dass wir die Bildungspolitik in diesem Land endlich vom Kopf auf die Füße stellen. Vielmehr brauchen wir auch anerkannte Brückenbauer in den Migrantencommunities, die uns helfen, patriarchalische Denkmuster und Milieus aufzubrechen. Dafür brauchen wir Migranten, die es „geschafft“ haben, für andere glaubwürdige Vorbilder sind und mehr Eigenverantwortung einfordern können. Diese fragen sich nun mit gutem Grund, was sie eigentlich noch alles leisten müssen, um endlich als gleichberechtigter Teil dieser Gesellschaft anerkannt – und nicht immer wieder nur auf ihre Herkunft oder Religion reduziert zu werden. Sarrazin geht nicht den unbequemen Weg, sondern macht es sich recht einfach, wenn er dumpfe Klischees bemüht, die uns kein bisschen weiterbringen.

Mit freundlichen Grüßen

—Cem Özdemir, Vorsitzender von

Bündnis 90/Die Grünen

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