Leserbriefe : Sind Pflegeheime besser als ihr Ruf?

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„Wer soll von jetzt an den kranken Vater pflegen? Chronik eines persönlichen Dramas“ von Anonymus vom 11. Februar

Zum wiederholten Male wird der Tagesspiegel-Leser regelrecht aufgeschreckt, wie katastophal es in deutschen Heimen zugeht.

Neu ist diese Form der Abschreckung für mich nicht. Es scheint jedoch, als leben manche Menschen auf einem anderen Stern. Noch nie was von Kurzzeitpflege gehört, und Beratungsstellen oder die Pflegekasse als Ansprechpartner sind auch nicht bekannt. Dafür dann das „Horrorerlebnis“ in einem Heim. Unterstellt wird, dass alte Menschen fast menschenunwürdig in Heimen dahinvegetieren würden. Dem muss ich in aller Deutlichkeit widersprechen. Die Anforderungen von Senioren und deren Angehörigen an ein Heim steigen seit Jahren koninuierlich, so dass sich auch die Qualität dieser sehr deutlich in positiver Richtung verändert hat. Viele Heime in Deutschland besitzen bereits Hotelcharakter und erweitern ihr Leistungsspektrum dahingehend. Senioren können ihren Lebensabend dort würdevoll genießen.

Ich glaube, so gut wie heute war die Versorgung pflegebedürftiger Menschen in Heimen in Deutschland noch nie zuvor. Zu Hause ist dort, wo der Mensch sich wohl fühlt. Alte Menschen können von Veränderungen durchaus profitieren. Bei schweren Krankheiten und/oder Altersdepressionen, die Vereinsamung, Mangelernährung und möglicherweise Demenz zur Folge haben können, kann im häuslichen Umfeld nicht in jedem Fall eine zufriedenstellende Versorgung erfolgen.

Es wäre daher besser, dass alte Menschen nicht fortwährend in Panik und Aufruhr versetzt werden, wenn sie an ihren Lebensabend denken.

Sylvia Büchner, Potsdam

Sehr geehrte Frau Büchner,

Sie beklagen die Einseitigkeit von Meldungen in den Medien über die Situation in deutschen Pflegeheimen. Sicherlich sind manche Berichte skandalträchtig aufbereitet und pauschalieren. Nicht vertretbar ist, Pflegekräfte für strukturelle Mängel allein verantwortlich zu machen. Allerdings ist es sehr gewagt und klingt schon märchenhaft, davon zu sprechen, dass viele Heime bereits Hotelcharakter haben. Dies trifft höchstens auf die Kategorie von Pflegeheimen zu, die sich ein Normalbürger nicht leisten kann. Selbst der medizinische Dienst spricht davon, dass von „gut bis sehr gut“ keine Rede sein kann. Klingeln Sie einmal im Heim. Bekommen Sie da nach einem Anklopfen an der Tür wirklich die Antwort: „Was darf es sein?“

Untersuchungen und Schilderungen belegen, dass z. B. neben Vernachlässigung, unqualifizierter Medikation (Pille statt Beziehung!), verbaler Aggression und Unselbstständigmachen strukturelle Gewalt in einem nicht zu tolerierenden Maße auftritt. Technokratisch-ökonomische Gesichtspunkte, der tägliche bürokratische Wahnsinn und die Dokumentationswut herrschen vor individueller Anteilnahme. Das gesellschaftliche Aufbegehren hält sich in Grenzen. Allerdings ist es notwendig, sich vor Pauschalierungen zu hüten, da es Gott sei Dank auch positive Beispiele gibt. Diese zeigen, dass es auch heute schon anders geht!

Wo gearbeitet wird, werden auch Fehler gemacht. Wo Not, Leid, Elend, Hilflosigkeit und Abhängigkeit so geballt auftreten wie in Heimen, ist grundsätzlich mit Schwierigkeiten, kritischen Situationen, Eskalationen und Problemen zu rechnen. In jedem Heim können diese auftreten. Entscheidend ist, wie mit diesen umgegangen wird und welche psychohygienischen Maßnahmen für Mitarbeiter vorhanden sind (in der Regel: Fehlanzeige!). Und da trennt sich die Spreu vom Weizen. Wenn Heimträger über die mangelhafte Finanzierung ihrer Leistungen klagen, und das tun sie sehr massiv, dann ist die logische Folge, dass derzeit eine ausreichende Pflege nicht möglich ist. Beispiele widerlegen dies allerdings. Nur an den Kosten scheint es wohl nicht zu liegen.

Über Bagatellisieren, Vertuschen und Nicht-ernst-Nehmen klagen nicht nur Bewohner und deren Angehörige, sondern auch Pflegekräfte. Mag auch die Angst vor Repressalien manchmal nicht angezeigt sein, so spricht die Realität Bände. Üblicherweise nützen Kontrollen der Heimaufsicht und des Medizinischen Dienstes, zumindest wie sie derzeit oft durchgeführt werden, nur begrenzt. Das Interesse am Ergebnis ihrer Untersuchungen hält sich bei den Auftraggebern auch in Grenzen. Qualitätssichernde Maßnahmen in den Einrichtungen sind, wenn sie überhaupt und ernsthaft durchgeführt werden, ein Lichtblick. Deren Ergebnis ist oft nicht ausreichend, um ein Mindestmaß an Menschenwürde zu gewährleisten. Wenig beachtet wird, dass nur wenige Menschen freiwillig in ein Heim übersiedeln und sich daher wie in einem Gefängnis – allerdings mit weniger Rechten – vorkommen. Wie sich dabei die Pflegekräfte vorkommen, wird selten hinterfragt.

Grundsätzliche Frage ist, ob Pflegeheime überhaupt in unsere heutige Zeit passen. Zu unterstützen sind daher Alternativen wie Haus- und Wohngemeinschaften. Manche Heime haben diese auch in ihren Einrichtungen verwirklicht. Zu fordern ist, dass in jedem Heim die „Charta der Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen“, die im Internet abrufbar ist, eingehalten wird oder zumindest versucht wird, diese einzuhalten. Sartre ist beizupflichten, wenn er schreibt: „Die Gewalt lebt davon, dass sie von anständigen Leuten nicht für möglich gehalten wird.“

Mit freundlichen Grüßen

— Prof. Dr. Dr. Rolf D. Hirsch, Vorsitzender der Bonner Initiative gegen Gewalt im Alter –

Handeln statt Misshandeln (HsM)

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