Leserbriefe : Sind unsere Ansprüche an die Wirtschaft falsch?

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„6400 Stellen weniger“ vom 4. Februar, „Deutsche Bank im Abseits“ vom 9. Februar und „Mitarbeiter zweifeln an Ackermann“ vom 10. Februar 2005

Ackermann stellt der erfreuten Öffentlichkeit die hervorragende Bilanz der Deutschen Bank vor. Im nächsten Moment sind alle entsetzt und empört, dass der in Deutschland beschäftigte und bestens bezahlte Manager die Vernichtung bzw. Verschiebung von tausenden Arbeitsplätzen ins Ausland ankündigt.

Woher die Aufregung?

Haben wir es immer noch nicht verstanden, wie dieses Wirtschaftssystem funktioniert, das auch so viele Volksvertreter als naturgegeben oder gar als Ausweg aus der Krise preisen? Ziel ist die kurzfristige Erzielung eines möglichst hohen Gewinnes, der den Eigentümern (Shareholdern) zugeführt wird. Arbeitnehmer, die dies mit ihrer Arbeitskraft ermöglichen, sind „Humankapital“, und mit eingesetztem Kapital jeder Art wird zugunsten eines noch höheren Gewinnes gegeizt, wo es nur geht.

So ist es kein Widerspruch, sondern es entspricht der inneren Logik, nach guten Abschlüssen durch Rauswurf möglichst vieler Mitarbeiter weitere Steigerungen der Gewinne zu ermöglichen.

Langfristige Planungen und Investitionen in die Zukunft sind völlig unpopulär. Wen interessiert, was in ein paar Jahren aus der Unternehmung, der Wirtschaft oder gar der Gesellschaft insgesamt wird? Zukunft rechnet sich nicht. Heute muss die Börse lachen. So passt es auch ins Bild, dass immer weniger ausgebildet werden. Sollen sich doch andere um den Nachwuchs kümmern, im Zweifel natürlich der Staat.

Eher amüsiert reagieren die modernen Wirtschaftslenker auf das naive Erinnern an irgendwelche gesamtgesellschaftlichen Interessen. Die Reste von Kündigungsschutz, Tarifbindung oder arbeitnehmerfreundliche Arbeitszeitregelungen sind nur lästige Relikte aus Zeiten sozialstaatlicher Orientierung, die von den wirklich Mächtigen ad acta gelegt wurden.

Günter Perreng, Politik- und Wirtschaftslehrer, Berlin-Wilmersdorf

Sehr geehrter Herr Perreng,

wenn man ausschließlich diejenigen Schlagzeilen betrachtete, die Sie in Ihrem Leserbrief gegenüberstellen, könnte man Ihren Sarkasmus teilen. Steigende Manager-Gehälter und Rekordgewinne auf der einen Seite, Entlassungen und immer höhere Arbeitslosenzahlen auf der anderen Seite – wie passt das zusammen? Die Antwort fällt leicht: Überhaupt nicht, das ist ungerecht.

Bevor man jedoch als Konsequenz aus dieser Antwort unser gesamtes Wirtschaftssystem als menschenfeindlich ablehnt und sich in seinem Frust als ohnmächtiger Spielball irgendwelcher sich zum Unglück aller Arbeitnehmer verschworen habender „wirklich Mächtigen“ einrichtet, lohnt sich doch ein zweiter Blick auf diese Schlagzeilen.

Zunächst möchte ich Ihre Aufmerksamkeit lenken auf jene Unternehmen, die gemeinsam 70 Prozent aller Arbeitsplätze in Deutschland stellen, nämlich die Unternehmen des Mittelstandes. Das sind übrigens die, die unter völlig aus dem Ruder gelaufener Bürokratie, zu starrer Flächentarifbindung und zu rigiden Kündigungsschutzbestimmungen am meisten leiden. Dort geschehen die Insolvenzen, dort wirken die Wachstumsbremsen. Ihrer sozialen Verantwortung stellen sich diese Unternehmer, ich möchte sagen, in repräsentativer Normalverteilung – es gibt solche und solche, aber die große Mehrheit ist sich nicht nur ihrer Verantwortung bewusst, sondern weiß auch: Zufriedene Mitarbeiter ohne permanente Angst um ihren Arbeitsplatz sind entscheidungsfreudiger, gesünder und motivierter.

Ihre Hauptvorwürfe richten sich allerdings an die großen, börsennotierten, weltweit tätigen Unternehmen. Bei aller Kritik an der Kommunikationsstrategie mancher Manager: Wir müssen anerkennen, dass diese Großunternehmen anderen Gesetzmäßigkeiten unterstehen, z.B. der Gefahr von feindlichen Übernahmen. Dagegen müssen sich Unternehmen wappnen, nicht zuletzt im Interesse ihrer Arbeitnehmer, die bei Übernahmen oftmals die Verlierer sind. Ganz nebenbei: Im Vergleich zum Mittelstand sind Arbeitnehmer dieser Unternehmen in der Regel übertariflich bezahlt, sehr gut qualifiziert und durch Sozialpläne abgesichert.

Ich gebe Ihnen jedoch Recht, wenn Sie bemängeln, dass Sie in der vergangenen Zeit des Öfteren einen Mangel an unternehmerischer Ethik entdeckt haben. Diese Ethik, den verantwortungsvollen Umgang mit wirtschaftlicher Macht, müssen wir einfordern. Und wie so oft sind öffentliche Diskurse und auch öffentlicher Druck wirkungsvoller als Gesetze. In diesem Sinne plädiere ich für folgende Schlussfolgerungen: 1. Unternehmen, Mitarbeiter und Standort sind Partner bei der Wertschöpfung. 2. Wer Wertschöpfung ausschließlich materiell versteht, wird in dieser Partnerschaft nicht langfristig erfolgreich sein.

— Prof. Dr. Andreas Pinkwart ist FDP-Bundesvize und FDP-Landesvorsitzender NRW.

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