Leserbriefe : Sitzenbleiben ausgeschlossen

„Lehrer wehren sich gegen altersgemischtes Lernen“ von Susanne Vieth-Entus

vom 18. Dezember

Gegen das jahrgangsübergreifende Lernen (kurz JÜL genannt) kann man einiges vorbringen, wie es der Artikel. Zu fragen bleibt nur, ob strukturelle Schwächen dazu führen dürfen, dass man die Einführung der Jahrgangsmischung den Schulen überlässt. Denn es spricht einiges für JÜL: Die Kinder lernen eigenständiger. Sie entwickeln Sozialkompetenz, da sie auf die Kleineren Rücksicht nehmen müssen und Hilfestellungen bei Aufgaben geben können. Denn: Wer anderen etwas erklärt, merkt erst, ob er es wirklich verstanden hat. JÜL ist für lernstarke und lernschwache Schüler von Vorteil: Letztere müssen nicht befürchten, sitzenzubleiben, sondern haben länger Zeit, in der gewohnten Lerngruppe ihr Wissen zu vertiefen. Die leistungsstarken Kinder wiederum können sich am Lernstoff der Älteren orientieren.

Auch in herkömmlichen Klassen ist der Wissensstand der einzelnen Schüler sehr unterschiedlich. Meine Erfahrung ist, dass mein Sohn in der JÜL-Klasse sein Lernpensum genauso gut bewältigt wie in der ersten Klasse, wo er nur unter Erstklässlern war.

Doch eines ist unbestritten, und da haben die Lehrer recht: Die Schulen leiden an Personalmangel – mit oder ohne JÜL. Es fehlt an Lehrern und Erziehern. Letztere werden im Krankheitsfall noch nicht einmal vertreten, dabei sind sie besonders in den JÜL-Klassen unverzichtbar. Sie entlasten die Lehrer, damit diese gezielt bestimmte Gruppen oder Schüler fördern können.

Wenn der Berliner Senat weiterhin glaubt, mit 100 Prozent Lehrerausstattung (heißt: ohne ausreichende Vertretungsreserve) sei ein qualifizierter Unterricht möglich, hat er immer noch nicht verstanden, wie wichtig es ist, in die Bildung unserer Kinder zu investieren. Wer meint, an Lehrern und Erziehern im primären Bildungsbereich sparen zu können, während gleichzeitig Studiengebühren tabu bleiben und teuer in Berlin ausgebildete Referendare in andere Bundesländer abwandern, wird seinem Bildungsauftrag nicht gerecht. Dagegen muss man wirklich massiv protestieren, aber nicht unbedingt gegen die Jahrgangsmischung, die erst in ein oder zwei Jahren erweisen wird, wie sich die Vorteile im Schul- und Lernalltag der Kinder auswirken – und mit der man schon jetzt sehr gute Erfahrungen gemacht hat.

Claudia Ondracek, Berlin-Friedenau

„Eltern gegen gemischte Klassen“

vom 19. Dezember

Haben die gegen jahrgangsübergreifenden Unterricht protestierenden Eltern schon einmal überlegt, welchen Nachteil Kinder durch einen Unterricht haben, bei dem verschiedene Leistungsniveaus nicht berücksichtigt werden?

Unbestritten ist, dass in jeder „normalen“ 1. Klasse Kinder mit Entwicklungsunterschieden von drei Jahren sitzen, die nur dann erfolgreich lernen, wenn sie Lernangebote erhalten, die an ihr vorhandenes Wissen und ihre Fähigkeiten anknüpfen, da sonst sowohl Über- als auch Unterforderungen mit bekannten Folgen wie Schulunlust, mangelnder Lernmotivation und einem Nichtausschöpfen von Begabungspotenzialen passieren.

Genau diesen Anspruch muss der Unterricht in jahrgangsübergreifenden Lerngruppen einlösen. Selbstverständlich mit Struktur und auch mit Sprache. Wie kommen Kinder zu der Entscheidung, in welchem Bereich eines Projektes sie mitarbeiten wollen? Wie können Kinder gemeinsam etwas erarbeiten – wenn nicht vorher darüber gesprochen wird?

Momentan wird viel Energie in den Nachweis gesteckt, warum jahrgangsübergreifendes Lernen nicht funktionieren kann. Wenn wir aber alle – das JÜL befürwortende und ablehnende Eltern und Lehrkräfte – unsere Kräfte auf das Engagement für bessere Unterrichtsbedingungen, sowohl in personeller als auch materieller Hinsicht, konzentrieren, könnten alle davon profitieren.

Jutta Schwenke, Berlin-Steglitz

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