Leserbriefe : Sollte das Volk beim Einheitsdenkmal nicht ein Wörtchen mitreden?

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Foto: Mike Wolff

Zum geplanten Einheitsdenkmal in Berlin

Warum muss für Bauwerke mit besonderer Bedeutung eigentlich immer eine Jury ins Leben gerufen werden, um zu entscheiden, welcher Entwurf der beste ist? Das war beim Wettbewerb für das wieder aufzubauende Berliner Stadtschloss so und und das ist auch jetzt beim Einheitsdenkmal wieder so. Trauen die verantwortlichen Politiker uns nichts zu? Ich würde mir wünschen, dass das Volk bei solchen Entscheidungen mehr mit einbezogen werden würde. Wir müssen mit dem Ergebnis schließlich leben.

Renate Kappe, Berlin-Friedrichshain

Wenn von 532 eingereichten Entwürfen für das Einheitsdenkmal keiner geeignet erscheint verwirklicht zu werden, ist das eine Blamage! Aber nicht für die Künstler und Architekten, sondern für die Jury. Dort gibt es offensichtlich nur Bedenkenträger und Pedanten. Die deutsche Einheit haben wir dem Volk – und zwar der DDR – zu verdanken. Mutige Männer und Frauen haben in Gefahr für ihre Existenz die friedliche Revolution vollbracht. Deshalb sollte auch das Volk und nicht Kunstexperten, Sachverständige usw. über das Einheitsdenkmal auf dem Schloßplatz in Berlin entscheiden. Das heißt, die Entwürfe sollten ausgestellt werden, und jeder mündige Bürger kann eine Stimme abgeben für den Entwurf, den er für den besten hält. Derjenige, der die meisten Stimmen bekommt, wird ausgeführt.

In zwei Jahren könnte das Einheitsdenkmal eingeweiht werden und die ausländischen Besucher daran erinnern, dass die Deutschen nicht nur meckern, sondern ab und zu auch mal was Gutes zustande bringen – wie die deutsche Wiedervereinigung!

Dr. Rudolf Decker, Berlin-Pankow

Sehr geehrte Frau Kappe,

Sehr geehrter Herr Dr. Decker,

Sie haben recht: Das Volk sollte bei einer Entscheidung für ein Freiheits- und Einheitsdenkmal einbezogen werden. Es geht um ein Bürgerdenkmal, weniger um ein repräsentatives Staatsmonument. Ein Zeichen der Anerkennung soll es sein für die mutigen Frauen und Männer der Herbstrevolution 1989, die ihre Angst überwanden, sich zusammenschlossen, hinaus auf die Straße wagten, gewaltlos der Gewalt gegenübertraten und das Unrechtsregime stürzten. Es soll ermutigen zu aufrechtem Gang und Zivilcourage, ohne die Freiheit, Demokratie und nationale Einheit weder errungen noch verteidigt werden können. Die vom Volk gewählten Abgeordneten des Deutschen Bundestages haben die Anregung einer Bürgerinitiative aufgegriffen und am 9. November 2007 die Errichtung eines Freiheits- und Einheitsdenkmals in der Mitte der Hauptstadt Berlin beschlossen. In einem für jedermann offenen Wettbewerb haben Künstler und Architekten aus Deutschland, Europa und Übersee großes Interesse gezeigt und 532 Entwürfe eingereicht. Alle diese Vorschläge sind im Kronprinzenpalais Unter den Linden in der Nachbarschaft des Denkmalsockels öffentlich ausgestellt und auch im Internet einsehbar. So kann sich jedermann ein Bild und eine Meinung machen. Eine große öffentliche Diskussion hat begonnen. Ihr Vorschlag aber, jeden mündigen Bürger über die Entwürfe abstimmen zu lassen, scheint mir angesichts von über 80 Millionen Deutschen schwer umsetzbar. Deshalb gibt es keinen anderen als den bewährten Weg der Berufung eines Preisgerichts, das eine Auswahl trifft und eine Empfehlung gibt. Die letzte Entscheidung liegt bei den Volksvertretern des Deutschen Bundestages.

Die Jury bestand aus 19 Fach- und Sachpreisrichtern, die ihr Amt in persönlicher Verantwortung ausübten. Sie bestand aus Künstlern, Museumsdirektoren, Kunsthistorikern, Architekten und Schriftstellern sowie Initiatoren des Denkmals, Abgeordneten, Vertretern der Bundesregierung und des Berliner Senats, Historikern und Bürgerrechtlern. Sie sollten aus 532 Arbeiten durch mehrheitliche demokratische Abstimmung 20 Entwürfe für eine zweite Wettbewerbsrunde auswählen. Die Jury aber war in ihrer Mehrheit der Auffassung, dass keine der Arbeiten den hohen Anspruch an ein Nationaldenkmal erfüllt. Ist das wirklich eine Blamage? Gereicht es nicht vielmehr der Jury zur Ehre, wenn sie an diese einzigartige Aufgabe eines Nationaldenkmals höchste Ansprüche stellt? Für dieses Denkmal an diesem herausgehobenen Ort ist nur das Beste gut genug.

Unter den eingereichten Arbeiten finden sich viele anregende und phantasievolle Ideen. Es sind auch ausgesprochen wertvolle künstlerische Arbeiten darunter. Aber keinem der Entwürfe ist es nach dem Urteil der Jury gelungen, die friedliche Revolution von 1989 in einem bleibenden einprägsamen Bild einzufangen. Nach zwei Diktaturen, die den öffentlichen Raum durch Aufmärsche, Fahnenwälder und einschüchternde Monumente beherrschten, fällt es Künstlern offenbar immer noch schwer, die für eine demokratische Revolution richtigen und allgemein gültigen Worte und Bilder zu finden. Dies bleibt einem weiteren Wettbewerb vorbehalten.

Mit freundlichen

Grüßen,

— Florian Mausbach, Präsident des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung

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