Leserbriefe : Sollte Doping legalisiert werden?

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„Rätselraten um gefundene Arzneimittel“

vom 16. August 2006

Wundert sich tatsächlich jemand über die in Göteborg vor dem Hotel der russischen Leichtathleten gefundenen Spritzen und Medikamente? Auch die Feststellung, dass die Russinnen bei der Leichtathletik-Europameisterschaft ungewöhnlich tiefe Stimmen und einen für Frauen recht ausgeprägten Bartwuchs hätten, ist nicht neu. Gedopt wird jedenfalls immer noch in vielen Sportarten. Wahrscheinlich in allen Sportarten, in denen viel Geld im Spiel ist. Nur Sieger sind eben für die Werbetreibenden interessant und bekommen lukrative Verträge. Auch wenn der Kampf gegen Doping in jüngster Zeit einige Erfolge vorzuweisen hat : Die haben sich eben erwischen lassen. Im Endeffekt wird es kein Ende im dauernden Hase-und-Igel- Spiel der Dopingsünder und Dopingfahnder geben, weil man mit Topleistungen im Sport viel Geld verdienen kann. Der letztlich aussichtslose Kampf gegen Doping kostet jedenfalls Millionen.

Da stellt sich die Frage: Wäre es vielleicht besser, den Kampf gegen Doping zu beenden und Doping zu erlauben? Die Chancen wären dann letztlich wirklich für alle gleich, die meisten Sportler sind mündig und können selbst darüber entscheiden, ob sie die gesundheitlichen Risiken einer Manipulation ihres Körpers für einen (auch wirtschaftlichen) Erfolg in Kauf nehmen. Viele tun es ja offensichtlich ohnehin. Geschützt werden müssten nur die Jugendlichen. Ob und wie das realisiert werden könnte, darüber sollten Sport und Politik mal nachdenken.

Manfred Held, Hamburg

Sehr geehrter Herr Held,

ich verstehe Ihre Resignation und die Forderung nach der Freigabe von Doping im Sport. Sie als Zuschauer und der saubere Athlet als Sportler wurden zu oft betrogen, hintergangen und belogen, als dass Sie eine saubere Leistung ohne Skepsis akzeptieren können. Der Schritt, den Kampf gegen Doping aufzugeben, ist demnach die logische Konsequenz und das Ende der ungleichen Hatz. So bekämen die Verbände dieses Problem in den Griff und die Einsparungen könnten zum Beispiel in die Nachwuchsförderung, höhere Preisgelder oder in den Sonderfonds für Sportlerhinterbliebene und Frankensteins Gruselkabinett gesteckt werden. Aus verschiedenen Gründen darf es trotz einer vermeintlichen Machtlosigkeit gegenüber Dopern und deren Dealern niemals zu einer Freigabe kommen. Die Sportverbände haben die besondere Pflicht, ihre Mitglieder vor dem Betrug anderer sowie vor ihrer eigenen Unzulänglichkeit zu schützen, genau wie der Staat ein berechtigtes Interesse daran hat, seine Bürger vor scheinbaren Bagatellen zu bewahren. So wird es immer Ladendiebstahl und Drogenhandel geben, was allerdings niemals den Statuswechsel hin zur Legalität ermöglichen darf. Unbestritten gilt in Medizinerkreisen, dass die kontrollierte aber defensive Verabreichung von im Sport verbotenen Substanzen den Körper belastbarer und erholungsfähiger macht. Genau diese Tatsache aber macht alles so gefährlich. Wie will man „gesund“ dopen? Nimmt der Sportler eine Pille, erholt er sich besser und kann besser trainieren. Dementsprechend läuft er im Wettkampf ein wenig schneller. Nimmt er zwei Pillen läuft er noch schneller und nimmt er die ganze Packung, gewinnt er. Darauf wird es hinauslaufen! Die anderen tun das aber dann auch und so bleiben wir beim Status quo - mit dem Unterschied, dass sich in einem Endlauf nun acht Monster duellieren, die sich nicht sicher sind, die nächste Dekade zu überleben.

Aber hier geht es nicht allein um Geld und Medaillen. Doping ist in Amateurkreisen genauso verbreitet wie gefährlich. In Internetforen kann sich der Nachwuchssportler zweifelhaften Rat zur geschickten Selbstmedikation beschaffen und wiegt sich in vermeintlicher Sicherheit. Die Palette der Konsumenten reicht vom Seniorensportler bis zum noch nicht kontrollierten Kreisklassesportler. Charakteristisch für Dopingsünder ist die Herabsetzung der eigenen Hemmschwelle, so dass sie glauben, nichts Illegales zu tun.

Einem Jugendlichen könnte man den Griff in die Trickkiste noch eher verzeihen als einem etablierten Sportler. Als Teenager glaubt man noch die von Autoritätspersonen aufgetragene Mär von der legalen Pille, die den Körper auf einmal aus allen Fugen platzen lässt, aber vollkommen bedenkenlos sein soll. Aber wie kommen wir an die zu schützenden Jugendlichen heran, wenn diese glauben, in vertrauensvollen Händen zu sein?

Die Hintermänner dieses boomenden Dopinggeschäftes, die nach Profit streben, die Sucht nach Überleistung befriedigen und durch immer neue Methoden immer neue Naturgesetze schaffen wollen, sind die eigentlichen Kriminellen. Sie betreiben zwar eine vom Sportler tolerierte und in Kauf genommene Körperverletzung, übernehmen für Folgeschäden allerdings keine Haftung.

Dieses sind nur einige wenige Gründe, weshalb Doping niemals erlaubt werden darf. Topleistungen sind sauber möglich und behalten für immer ihren Glanz. Der Sport an sich ist zu schön und verkörpert zu viel Vorbildfunktion, um vor Betrügern zu kapitulieren. Denn wenn auf den Sportplätzen dieser Welt nur ein einziger Athlet existiert, der seine Leistung sauber und frei von Doping erbringen möchte, so hat er es verdient, geschützt zu werden.

Mit freundlichen Grüßen

— Frank Busemann, Anti-Doping-Vertrauensmann beim Deutschen Olympischen Sportbund

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